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Mike Sandbothe

Spirituelle Medienphilosophie1

Überlegungen im Anschluss an Marshall McLuhan

Die folgenden Überlegungen stellen ein Gedankenexperiment dar. Die Idee dazu kam mir bei der Lektüre eines Buches, das McLuhans Sohn Eric zusammen mit Jacek Szklarek unter dem Titel The Medium and the Light. Reflections on Religion (1999) herausgegeben hat.2 Darin finden sich Aufsätze, Einleitungen, Entwürfe, Vorträge und Briefe von Marshall McLuhan, die aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten stammen. In ihnen setzt sich der Begründer der modernen Medientheorie mit Fragen von Religion und Spiritualität auseinander.

Beides war für mich lange Zeit kein Thema. Aber in den letzten Jahren hat sich dies geändert; und zwar durch tief greifende Erfahrungen, die ich sowohl im Bereich der von Richard Shusterman so genannten „Somästhetik“3 als auch im Kontext der feinstofflichen Energiearbeit (chinesisch: Chi, japanisch: Reiki, indisch: Prana) machen durfte. Die beiden wichtigsten somästhetischen bzw. spirituellen Lehrer waren und sind für mich Moshe Feldenkrais (1904-1984) und Grand Master Choa Kok Sui (1952-2007).4 Von ihnen habe ich auf jeweils unterschiedliche Art und Weise gelernt, meinen Wahrnehmungshorizont somästhetisch bzw. spirituell zu erweitern.

Das Interessante und für akademische Kontexte Ungewöhnliche dabei ist, dass sich die Erweiterung des Wahrnehmungshorizontes in beiden Fällen nicht nur und nicht primär durch die Lektüre von geschriebenen Texten vollzogen hat. Stattdessen war es vor allem das Erlernen praktischer Techniken der Körper- und Energiearbeit, das sowohl die Propriozeption meines physischen Körpers (Feldenkrais) als auch die Wahrnehmung meines Energiekörpers (Choa Kok Sui) grundlegend verändert hat. Das führt mich zurück zu dem erwähnten Gedankenexperiment.5

Offensichtlich hat auch Marshall McLuhan Erfahrungen gesammelt, die den Horizont seiner Wahrnehmung auf durchgreifende Art und Weise verändert haben. Dieser Sachverhalt macht einen der Gründe aus, warum Eric McLuhan das erwähnte Buch publiziert hat. In The Medium and the Light geht es unter anderem um die spirituellen Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass Marshall McLuhan am 25. März 1937 (im Alter von 25 Jahren) zum katholischen Glauben übergetreten ist. Seine Konversion beschreibt Marshall McLuhan wie folgt:

„I had no religious belief at the time I began to study Catholicism. I was brought up in the Baptist, Methodist and Anglican churches. We went to all of them. But I didn’t believe anything. I did set to find out, and literally to research the matter, and I discovered fairly soon that a thing has to be tested on its terms. You can’t test anything in science or in any part of the world except on its own terms or you will get the wrong answers. The church has a very basic requirement or set of terms, namely that you get down on your knees and ask for the truth. (...). I prayed to God the Father for two or three years, simply saying ’Show me’. I didn’t want proof or anything. I didn’t know what I was going to be shown because I didn’t believe anything. I was shown very suddenly. It didn’t happen in any expected way. It came instantly as immediate evidence, and without any question of its being a divine intervention. There was no trauma or personal need. I never had any need for religion, any personal or emotional crisis. I simply wanted to know what was true and I was told ... Wham! I became a Catholic the next day.“6

In seiner Introduction hebt Eric McLuhan hervor, dass sein Vater den katholischen Glauben bis an sein Lebensende im Privaten praktiziert und von seinen öffentlichen Äußerungen als Medientheoretiker im Regelfall bewusst getrennt hat.7 Das Besondere der Texte, die in The Medium and the Light versammelt sind, besteht darin, dass sie allesamt Ausnahmen von dieser Regel darstellen. Deshalb sind sie eine gute Basis für mein Gedankenexperiment. Es besteht darin, eine spirituelle bzw. religiöse Version von McLuhans Medientheorie zu rekonstruieren (1) und auf dieser Grundlage dann zu erproben, wie eine zeitgenössische Medienphilosophie aussehen könnte, die Intellektualität und Spiritualität enger zusammenführt als bisher in den Geistes- und Kulturwissenschaften üblich (2).

1) McLuhans religiöse Medientheorie

Im Folgenden stütze ich mich ausschließlich auf die in The Medium and the Light veröffentlichten Texte. Viele von ihnen sind zuvor zwar an anderer Stelle bereits erschienen; zumeist jedoch in eher unbekannten und wenig gelesenen Fachzeitschriften. Aus diesem Grund haben die in The Medium and the Light zum ersten Mal systematisch zusammengestellten Reflections on Religion zuvor kaum einen nennenswerten Einfluss auf die McLuhan-Rezeption ausgeübt.

Beginnen möchte ich mit einer Äußerung, die Marshall McLuhan in einem Interview gemacht hat, das 1970 unter der Überschrift „Electric Consciousness and the Church“ erschienen ist. Die Bemerkung bezieht sich auf den Computer und dabei speziell auf den Sachverhalt, dass die Computertechnologie Formen des Bewusstseins hervorbringen kann, die über Sprache hinausweisen:

„It is possible that the new technologies can bypass verbalizing. There is nothing impossible about the computer’s – or that type of technology’s – extending consciousness itself, as a universal environment. In a sense, the surround of information that we now experience electrically is an extension of consciousness itself.“8

Das quasi-bewusste Eigenleben, das multimediale Daten im Internet erlangen können und die nonverbale Art und Weise, wie Computerprogramme im Netz durch Algorithmen miteinander kommunizieren, lässt uns heute als Alltagserfahrung wahrnehmen, was McLuhan damals visionär vor Augen stand. Für mein Gedankenexperiment besonders relevant ist in diesem Zusammenhang die Antwort, die McLuhan im gleichen Interview auf die Frage gibt, „what effect this might have on the individual in society“9. Seine Antwort lautet:

„Many people simply resort instantly to the occult, to ESP [extrasensory perception – M.S.], and every form of hidden awareness in response to this new surround of electric information. And so we live, in the vulgar sense, in an extremely religious age. I think that the age we are moving into will probably seem the most religious ever. We are already there.“10

Ich möchte hier die Frage offen lassen, ob und, wenn ja, in welchem Sinn die in und zwischen Computern prozessierten Daten als „extension of consciousness itself“11 zu beschreiben sind. Statt dessen konzentriere ich mich auf die weiterreichende Aussage, dass der „new surround of electric information“12 bei den betroffenen Menschen zu einer Revalidierung okkulter, religiöser und spiritueller Bewusstseinsformen führe. McLuhan spitzt diese These noch weiter zu, indem er im Rahmen seiner Überlegungen einen bedeutsamen Unterschied zwischen der christlichen Religion und anderen Formen des Glaubens macht. So hebt er mit Blick auf Hinduismus, Buddhismus und andere nichtchristliche Traditionen hervor:

„I don’t think of them as religious except in an anthropological sense. They are not, as far as I am concerned, the thing – revealed divine event – at all. (...). They were rendered obsolete at the moment of the Incarnation and they remain so.“ 13

Das eigentliche Problemlösungspotenzial zur Anpassung des menschlichen Bewusstseins an die Lichtgeschwindigkeit der elektronischen Medien liegt für McLuhan in neuen Formen dessen, was er in einem anderen Interview als „lived Christianity“14 umschrieben hat:

„In fact, it is only at the level of a lived Christianity that the medium really is the message. It is only at that level that figure and ground meet.” 15

Hier zeigt sich deutlich, wie eng der zentrale Grundgedanke von McLuhans Medientheorie – „The medium is the message“16 – mit seiner Konversion zum katholischen Glauben in Verbindung steht.

„In Jesus Christ, there is no distance or separation between the medium and the message: it is the one case where we can say that the medium and the message are fully one and the same.“17

McLuhan glaubt, dass mit den elektronisch beschleunigten Medienwelten ein Entwicklungspunkt erreicht sei, der die westliche Kultur in die Lage versetzen könnte, von der bisher vorherrschenden Fixierung auf die medialen Inhalte auf eine stärker holistische Sichtweise der Medienwirkung zu wechseln.

„Perhaps now, when things happen at very high speeds, a formal causality or pattern recognition may appear for the first time in human history.“18

Und mehr noch: bezogen auf die Wiederkehr des gesprochenen Wortes im Zeitalter der elektronischen Medien von Radio, Film und Fernsehen formuliert der religiöse Medientheoretiker:

“The word as a means of healing or of magical change is precisely what phonetic literacy rejected, and precisely what the TV generation now seeks to bring back into all aspects of language.”19

Das hat weit reichende Konsequenzen auch für McLuhans Gedanken zur Zukunft der katholischen Kirche. In einem Gespräch, das er 1977 mit Pierre Babin unter dem Titel „Liturgy and Media“ geführt hat, benutzt McLuhan die computertechnische Unterscheidung zwischen hardware und software, um neue Formen liturgischer Praxis zu umschreiben. Zunächst stellt er dazu erläuternd fest:

„Hardware refers to the machine itself which is more or less fixed, while software is mutable. Writing in general, given its predetermined and unchanging form, is like hardware; while speech, which is supple and changeable, is closer to software. The visual is hardware, the acoustic is software.“20

Die Anwendung auf Fragen einer zukünftigen Liturgie lautet dann wie folgt:

„Liturgy in its creative and improvisational aspects is software, but once it is fixed by the voice of authority, fixed in writing, and made uniform by print, it becomes hardware.“21

Schärfer und allgemeiner noch formuliert McLuhan in einem aus den frühen siebziger Jahren stammenden Entwurf zu einem (nie realisierten) Buch mit dem Arbeitstitel The Christian in the Electronic Age:

“Let us do with less and less hardware. We can do more and more with less and less (Bucky Fuller). Beware the pitfalls and booby traps of hardware media.”22

Und um den Software-Charakter der christlichen Zeremonien im Zeitalter der elektronischen Medien auf neue Weise erfahrbar zu machen, skizziert McLuhan in dem bereits zitierten Gespräch mit Babin die folgende, für die Kirche als etablierte Institution kaum nachvollziehbare Strategie:

„We want everything to happen at once, all the richness, all the feasts, all the Scriptures together and instantly. It is the same thing as having Christ right here in person. Electricity tends to evoke the presence of Christ immediately via the ear.”23

Dem Autor ist dabei durchaus klar, was das für die Kirche bedeuten könnte. So formuliert er in „Electric Consciousness and the Church“ provozierend:

„The Church has in various periods consisted of hermits in very scattered huts and hovels in all sorts of backward territories. It could easily become this again, and in the age of the helicopter I see no reason why the Church should have any central institutions whatever.“24

Die skizzierten Überlegungen machen deutlich, dass McLuhans religiöse Medientheorie trotz ihrer konfessionell gebundenen Form das vorherrschende Selbstverständnis der katholischen Kirche in Frage stellt. Zugleich aber gilt es festzuhalten, dass McLuhan andere Formen von Religion bzw. Spiritualität, die sich nicht auf die für ihn evidente Erfahrung der Inkarnation Gottes in Jesus Christus stützen, für Irrwege hält.

Der eingangs bereits erwähnte Großmeister der energetischen Pranaheilung, Choa Kok Sui, hat in einem seiner Bücher vorgeschlagen, den Unterschied zwischen Religion und Spiritualität so zu ziehen, dass wir Religion als etwas verstehen, das „in der Regel konfessionsgebunden“25 und „im Allgemeinen auf Glauben [ge]gründet“26 ist. Spiritualität – so weiter Choa Kok Sui – können wir demgegenüber als eine Aktivität beschreiben, die sich konfessionsunabhängig „mit den inneren Wissenschaften beschäftigt.“27 Von diesem Vorschlag ist auch der Aufbau meines Gedankenexperiments inspiriert, das zwischen McLuhans religiöser Medientheorie und der im folgenden Abschnitt zu skizzierenden spirituellen Medienphilosophie terminologisch bewusst unterscheidet.

2) Spirituelle Medienphilosophie

Die von mir hier erstmals experimentell zu beschreibende Konzeption einer spirituellen Medienphilosophie argumentiert dezidiert konfessionsunabhängig. Aus diesem Grund kann sie zugleich einen Beitrag dazu leisten, Spiritualität enger mit Intellektualität zusammenzuführen als bisher üblich.28 Als pragmatischer Medienphilosoph werde ich dabei im Unterschied zu McLuhan einen besonderen Fokus auf die Frage legen, wie wir bestimmte Medien nutzen, und darüber hinaus kulturdeterministische Thesen über die Eigendynamik medialer Konstellationen nach Möglichkeit vermeiden.29

Im ersten Teil meines Gedankenexperiments hatte ich ganz bewusst offen gelassen, was McLuhan meint, wenn er in „Electric Consciousness and the Church“ den „surround“ der elektronischen Medien als „extension of consciousness itself“30 bezeichnet. Meine Zurückhaltung gründet darin, dass philosophische Pragmatisten das Wort consciousness entweder gar nicht oder wenn schon, dann im Sinn einer Zuschreibung benutzen.31 Aus diesem Grund kommt es mir entgegen, dass McLuhan an anderer Stelle in The Medium and the Light einen Vorschlag zur Umformulierung macht, der weniger interpretationsbedürftig ist. Dort bezeichnet er die „electronic world“ nicht als Extension unseres Bewusstseins, sondern als Ausdehnung unseres Nervensystems, d.h. als „his [man’s – M.S.] extended nervous system“.32

An diese Formulierung, die sich auch in McLuhans opus magnum findet33, möchte ich mit meinen Überlegungen zur spirituellen Medienphilosophie anschließen. Versteht man die digitalen Netzwerke als technologische Projektionen bzw. instrumentelle Ausweitungen des menschlichen Nervensystems, ergibt sich die folgende Frage: Wie verhält sich der Gebrauch, den wir vom externen Nervensystem der elektronischen Medien machen, zu der Art und Weise, wie wir das interne Nervensystem unseres biologischen Körpers nutzen?

Zunächst ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass wir unser biologisches Nervensystem im Regelfall nicht auf bewusste Art und Weise nutzen. Sowohl das zentrale als auch das vegetative und somatische Nervensystem sind vielmehr bei allen seelischen, geistigen und körperlichen Prozessen, die wir vollziehen, auf graduell unterschiedliche Weise im Hintergrund aktiv. Darüber hinaus besteht für uns Menschen die Möglichkeit, uns sowohl reflexiv als auch transformativ zum eigenen Nervensystem zu verhalten. Ein Beispiel dafür ist die im ersten Teil meiner Überlegungen bereits kurz erwähnte Feldenkrais-Methode.34 Sie zielt darauf, einen bestimmten Aspekt der unbewussten Nervensystemnutzung, die sich evolutionär und kulturell etabliert hat, durch alternative Nutzungsformen zu ergänzen.

Aus evolutionsbiologischer Perspektive hat Wolfgang Welsch darauf hingewiesen, dass sich die Art und Weise, wie Menschen ihr zentrales Nervensystem nutzen, menschheitsgeschichtlich in eine bestimmte Richtung entwickelt hat.35 Aktuellen neurowissenschaftlichen Forschungen zufolge ist die auf sensorische Reize ausgerichtete Nutzungsform des Gehirns, die zum Beispiel bei Ratten 90 % der Neuronenaktivität ausmacht, beim Menschen zunehmend zugunsten des internen Prozessierens von Daten zurückgetreten. Dabei hat sich evolutionsgeschichtlich gezeigt, dass das menschliche Gehirn mit seiner Spezialisierung auf interne Datenverarbeitung eine bestimmte Grenze nicht zu überschreiten vermag. Diese Grenze liegt bei ungefähr 90 % der Neuronentätigkeit.

Anders formuliert: Wenn weniger als 10 % der Aktivitäten des zentralen Nervensystems für die Aufnahme und Verarbeitung von sensorischen Reizen genutzt werden, ist aller Wahrscheinlichkeit nach die Überlebensfähigkeit der Gattung Mensch in Frage gestellt. So deuten Evolutionsbiologen jedenfalls den Sachverhalt, dass sich die Spezialisierung auf interne Datenverarbeitung in der protokulturellen Entwicklungsphase der Menschheit schrittweise auf den erwähnten Maximalwert von 90 % eingependelt und seit circa 40.000 Jahren nicht mehr verändert hat.36

Die Feldenkrais-Methode lässt sich zu dieser Entwicklungsdynamik ins Verhältnis setzen. Sie arbeitet kompensatorisch und reaktiviert diejenigen Aktivitäten des menschlichen Nervensystems, die sich auf sensorische Reize beziehen. Dabei konzentriert sie sich auf einen ganz bestimmten Typus von sensorischen Reizen und zwar auf den Bereich der so genannten Propriozeption. Mit diesem Begriff wird in der Physiologie die Wahrnehmung derjenigen sensorischen Reize zusammengefasst, die von unserem eigenen Bewegungsapparat ausgehen. Deren Wahrnehmung ist für den Organismus deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie es ihm ermöglicht, seine eigene Lage im Raum zu bestimmen und durch gerichtete Bewegung zu verändern.

Aus medienphilosophischer Perspektive ist hervorzuheben, dass gerade der Bereich der Propriozeption durch die zunehmende Nutzung von Bildschirmtechnologien in modernen Medienkulturen auf besondere Weise vernachlässigt wird.37 Dieser Zusammenhang wirft interessanterweise zugleich ein erhellendes Licht auf die erschließende Kraft, die von McLuhans Metapher des externen Nervensystems ausgeht. Die audiovisuellen Bildschirmtechnologien fördern und fordern nämlich Formen der Exterozeption, welche mehr oder weniger ohne aktive Bewegung des Körpers im Raum auskommen.38

Das bedeutet, dass die audiovisuelle Medienwahrnehmung den auditiven und den visuellen Sinn nicht nur von den anderen Außensinnen (Geruch, Geschmack, Tastempfindung) isoliert, sondern partiell auch von der kinästhetischen Eigenwahrnehmung des sich bewegenden Körpers. Das Ergebnis ist eine medial vermittelte Form von Exterozeption, die aufgrund des ihr eigenen somästhetischen Reduktionismus der internen Datenverarbeitung des zentralen Nervensystems bei aller Unterschiedlichkeit zugleich doch auch ein Stück weit ähnelt. Dieser Sachverhalt trägt vermutlich mit dazu bei, dass das Netzwerk medialer Datenquellen uns (im Sinn von McLuhans berühmter Metapher) wie ein veräußerlichtes Nervensystem erscheinen kann.

Die medienökologische Adaption der Nutzung unseres biologischen an den zunehmenden Gebrauch des technologischen Nervensystems stellt einen wichtigen Bestandteil zukunftsorientierter Bildungsideale dar.39 Die intelligente Integration von Verfahren zur Schulung von Propriozeption und kinästhetischer Wahrnehmung (z.B. Alexandertechnik, Eutonie, Feldenkrais-Methode, Ausdruckstanz nach Laban, Rolfing) in den Unterricht an schulischen und außerschulischen Bildungsinstitutionen kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten.40 Eine der zentralen kulturpolitischen Aufgaben der spirituellen Medienphilosophie besteht vor diesem Hintergrund im Initiieren von Kampagnen, die solche medienökologischen Ausgleichsbewegungen fördern.41

Als pragmatisch orientierte Disziplin markiert die spirituelle Medienphilosophie den Rahmen für bildungspolitische Interventionen, die sich auf eine ganzheitliche Vernetzung der unterschiedlichen Mediensorten und ihrer Nutzungsformen beziehen. Dabei verstehen Medienphilosophen unter Medien nicht nur und nicht primär die technischen Verbreitungsmedien (vom Buchdruck über Film und Fernsehen bis zum Internet), sondern auch und vor allem die semiotischen Kommunikationsmedien (wie Bild, Sprache, Schrift, Skulptur, Architektur, Tanz, Theater und Musik) und die sinnlichen Wahrnehmungsmedien (wie Raum, Zeit und Sinnesorgane).42

Eingangs hatte ich darauf hingewiesen, dass in meiner persönlichen Weiterbildung sowohl das Erlernen der Bewegungstechniken von Moshe Feldenkrais als auch die praktischen Erfahrungen, die ich mit der Energiearbeit von Grand Master Choa Kok Sui machen konnte, zu tief greifenden Veränderungen meines Wahrnehmungshorizontes geführt haben. Abschließend möchte ich nun auf die Implikationen eingehen, welche die feinstoffliche Arbeit mit dem menschlichen Energiekörper für Fragen der spirituellen Medienphilosophie haben kann.

Das Besondere an der von Choa Kok Sui so genannten „Pranaheilung“43 besteht darin, dass es sich dabei dem Anspruch nach um eine pragmatische Verwissenschaftlichung und kulturpolitische Demokratisierung von Jahrtausende alten Kulturtechniken des Heilens handelt. Diese wurden bisher in den esoterischen Lehren der Weltreligionen mehr oder weniger unabhängig voneinander im Rahmen eingeweihter Zirkel praktiziert.44

In seinem Spätwerk über die Entstehung der Pranaheilung rückt Choa Kok Sui die von ihm entwickelte „sehr effektive Art des Heilens (...), die jedermann in kurzer Zeit lernen kann“45 in den Kontext einer „Annäherung von Wissenschaft und Spiritualität“.46 Diese Annäherung – so weiter Choa Kok Sui – komme gegenwärtig auch „in der Quantenphysik (...) und in der Homöopathie, der Akupunktur, dem Feng Shui, dem Qi Gong, der Energiemedizin u.a.“47 zum Ausdruck.

Dabei handelt es sich um kontrovers diskutierte Themenfelder. Mehr noch: es geht zum Teil sogar um emotional geführte Debatten, in deren Fokus die kulturpolitische Frage steht, was als Wissenschaft anzuerkennen und was als Aberglaube und Pseudo- bzw. Parawissenschaft zu entlarven und auszugliedern ist.48 Im Rahmen des vorliegenden Gedankenexperiments ist diese Diskussion nicht zu führen. Stattdessen lasse ich mich von der Überzeugungskraft der handwerklichen Seite der Pranaheilung leiten und gebe den zu ihrer naturwissenschaftlichen Erklärung möglicherweise dienlichen Forschungsprogrammen einen hypothetischen (!) Vertrauensvorschuss.49

Das gilt insbesondere für den Bereich der bioenergetischen Felder, der in den letzten Jahrzehnten zu einem prominenten Forschungsgegenstand der biomedizinischen Forschung geworden ist. In Deutschland sind es vor allem die Arbeiten des Biophysikers Fritz-Albert Popp und in den USA die Werke des Mikrobiologen James Oschman, in denen Phänomene, die bisher in metaphorischer Terminologie als Aura oder Lichtkörper bezeichnet wurden, wissenschaftlich als messbare Magnetfelder konzeptualisiert werden.50

Ähnlich wie schon McLuhan sieht auch Oschman interessante Verbindungen zwischen der ganzheitlichen Energiemedizin und der elektronischen Medienkultur:

„Wir haben uns daran gewöhnt, dass Computer, in deren Chips unsichtbare Ströme fließen, eine Vielzahl von Aufgaben erledigen, oder dass wir den Fernseher über die unsichtbaren Strahlen der Fernbedienung einschalten. Deshalb dürfte es für eine Kultur wie unsere eigentlich nicht allzu erschreckend sein, sich anzuschauen, wie unsichtbare Energien unseren Körper regulieren und koordinieren.“51

Erläuternd fügt der Physiologe hinzu:

„Früher dachten wir, die ‚Sprache des Lebens’ bestünde aus Nervenimpulsen und Molekülen, aber jetzt sehen wir, dass diesen vertrauten Prozessen noch eine tiefere Kommunikation zugrunde liegt. Unter den relativ langsam beweglichen Aktionspotentialen und ‚Billiardkugelinteraktionen’ von Molekülen befindet sich das Reich sehr viel schnellerer und subtilerer Interaktionen von subatomarer, energetischer, elektromagnetischer und wellenartiger Dimension.“52

Das für die gegenwärtige kulturelle Situation besonders Bedeutsame an den von Choa Kok Sui systematisierten Techniken der spirituellen Energiearbeit besteht darin, dass es durch das Erlernen dieser einfachen Praktiken jedermann möglich wird, sowohl das eigene Nervensystem als auch die Nervensysteme anderer Lebewesen durch gezielte Veränderungen im Energiekörper auf hocheffiziente Weise zu modifizieren. Während die Feldenkrais-Methode den physikalischen Körper (und damit indirekt auch den Energiekörper) mit quasi-mechanischen Mitteln behandelt, setzt die Pranaheilung direkt beim energetischen Lichtkörper an. Das unterscheidet die im engeren Sinne spirituellen von den somästhetischen Kulturtechniken und schließt zugleich den Kreis zu McLuhans Überlegungen in The Medium and the Light.

Ähnlich wie auf dem „global fiber optics superhighway“53 des Internet fungiert nämlich auch in der spirituellen Praxis das Licht als Basismedium der Datenübertragung.54 Da die elektromagnetische Strahlung sich unendlich im Raum ausbreitet, sind Choa Kok Suis Verfahren nicht an die physische Anwesenheit von Patient und Heiler an einem Ort bzw. in einem Raum gebunden. Dieser Aspekt – also die Möglichkeit von Fernheilung – lässt besonders deutlich werden, dass es sich bei den spirituellen Kulturtechniken um Verfahren handelt, die sowohl strukturelle als auch pragmatische Analogien zu den optoelektronischen Datennetzwerken aufweisen.

In der spirituellen Praxis erweist sich die energetische Dimension unseres Körpers als ein morphogenetisches Kontinuum, das auf natürliche Art und Weise mit externen Energieströmen (von anderen Lebewesen, Pflanzen, den Elementen, dem Planeten Erde und dem Universum insgesamt) verbunden ist.55 Es ist diese grundlegende, durchaus als kosmisch zu bezeichnende Offenheit, die das energetische System der Chakren und Meridiane vom geschlossenen System unseres physiologisch definierten Nervensystems unterscheidet und zugleich zum intuitiven Modell wie auch zum potentiellen Korrektiv für das externe Nervensystem der digitalen Informationstechnologien werden lässt.


[1] Teile des vorliegenden Textes wurden am 12. April 2011 im Rahmen der Tagung Marshall McLuhan Revisited. A Centennial Conference auf Einladung der Freedom of Expression Foundation Fritt Ord in Oslo vorgetragen.

[2] The Medium and the Light. Reflections on Religion, hrsg. von Eric McLuhan und Jacek Szklarek, Eugene: Wipf and Stock Publishers 1999.

[3] Richard Shusterman, Body Consciousness. A Philosophy of Mindfulness and Somaesthetics, Cambridge, UK: Cambridge University Press 2008.

[4] Zur Einführung siehe Moshe Feldenkrais, Das starke Selbst. Anleitung zur Spontaneität, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1992 und Choa Kok Sui, Grundlagen der Pranaheilung, Freiburg: Bauer 1996 .

[5] Zur Verwendung des Begriffs des Gedankenexperiments in der Philosophie siehe den Eintrag „Thought Experiment“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (http://plato.stanford.edu/entries/thought-experiment/). Meine Wortverwendung unterscheidet sich vom narrativ-fiktionalen Standardmodell insofern als dem im Folgenden durchgeführten Gedankenexperiment handwerkliche Erfahrungen zugrunde liegen, die in mehrjährigen Ausbildungsgängen in den erwähnten somästhetischen und spirituellen Disziplinen vom Autor erworben wurden.

[6] Marshall McLuhan zitiert nach Eric McLuhan, „Introduction“, in: The Medium and the Light, S. IX-XXVIII, hier: S. XVIf.

[7] Ebd., S. XVII-XIX.

[8] Marshall McLuhan, „Electric Consciousness and the Church“, in: The Medium and the Light, a.a.O., S. 79-88, hier: S. 88.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 87.

[14] Marshall McLuhan, „Religion and Youth. Second Conversation with Pierre Babin“, in: The Medium and the Light, a.a.O., S. 104.

[15] Ebd.

[16] Marshall McLuhan, Understanding Media. The Extensions of Man, London und New York: Routledge 1964, S. 7.

[17] McLuhan, „Religion and Youth“, S. 103.

[18] Marshall McLuhan, „The Logos Reaching Across Barriers: Letters to Ong, Mole, Maritain, and Culkin“, in: The Medium and the Light, a.a.O., S. 66-74, hier: S. 72.

[19] Marshall McLuhan, „Liturgy and Media. Do Americans Go to Church to Be Alone?, in: The Medium and the Light, a.a.O., S. 117-135, hier: S. 131f.

[20] Marshall McLuhan, „Liturgy and Media. Third Conversation with Pierre Babin, in: The Medium and the Light, a.a.O., S. 141-149, hier: S. 148.

[21] Ebd.

[22] Marshall McLuhan, „The Christian in the Electronic Age“, in: The Medium and the Light, a.a.O., S. 176-177, hier: S. 177.

[23] McLuhan, „Liturgy and Media“, S. 148.

[24] McLuhan, „Electric Consciousness and the Church“, S. 86.

[25] Master Choa Kok Sui, Die Entstehung der Pranaheilung und des Arhatic Yoga, München: Innere Studien Verlag 2006, S. 67.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Daniel Dennett, Den Bann brechen. Religion als natürliches Phänomen, Frankfurt a.M. und Leipzig: Verlag der Weltreligionen 2008.

[29] Zur meiner vom amerikanischen Pragmatismus inspirierten medienphilosophischen Grundposition siehe Mike Sandbothe, Pragmatische Medienphilosophie. Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2001.

[30] McLuhan, „Electric Consciousness and the Church“, S. 88.

[31] Daniel Dennett, The Intentional Stance, Cambridge, MA: MIT Press 1987.

[32] Marshall McLuhan, „’A Peculiar War to Fight’: Letter to Robert J. Leuver“, in: The Medium and the Light, a.a.O., S. 89-93, hier: S. 93.

[33] McLuhan, Understanding Media, S. 45ff.

[34] Im Hufeland-Leistungsverzeichnis der Besonderen Therapierichtungen findet sich im 12. Kapitel die folgende Beschreibung der Feldenkrais-Methode: „Die von dem israelischen Physiker und Ingenieur Dr. Moshe Feldenkrais (1904-1984) entwickelte Methode ist ein Verfahren, das die ‚Lernfähigkeit’ des Nervensystems stimuliert. Mit dem Wissen um die Zusammenhänge sensomotorischen Lernens werden mittels Bewegung Impulse gesetzt, die es dem Menschen ermöglichen, Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten zu erkennen und zu verändern“ (Hufeland-Leistungsverzeichnis der Besonderen Therapierichtungen, hrsg. von der Hufelandgesellschaft, Stuttgart: Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage 2009, S. 33-35. hier: S. 33). Bereits 1949 hat Feldenkrais selbst eine auf dem damaligen Wissensstand basierende neurophysiologische Erläuterung seiner Methode publiziert: Moshe Feldenkrais, Body and Mature Behavior. A Study of Anxiety, Sex, Gravitation, and Learning, London: Routledge 1949. Eine Aktualisierung auf der Basis jüngster Forschungsergebnisse hat Gerald Hüther vorgelegt: „Wie Embodiment neurobiologisch erklärt werden kann“, in: Embodiment – Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen, hrsg. von Maja Storch, Benita Cantiene, Gerald Hüther und Wolfgang Tschacher, Bern: Huber Verlag 2006, S. 73-98.

[35] Wolfgang Welsch, „Das Rätsel der menschlichen Besonderheit“, in: Studia Philosophica, Bd. 57/2, 2010, S. 47-59, hier: S. 50.

[36] Volker Storch, Ulrich Welsch und Michael Wink, Evolutionsbiologie, Berlin: Springer 2001, S. 375.

[37] Mike Sandbothe, „Und wie fühlt sich Ihr Nacken an?“, in: Kulturaustausch. Zeitschrift für internationale Perspektiven, Heft 3/2010, S. 22-23.

[38] Das gilt schon für die Medien der Schrift und des Buchdrucks. In den bewegten Bilderwelten der audiovisuellen Medientechnologien werden jedoch die Praktiken der abstrakten Wirklichkeitsrepräsentation, die für die Gutenberg-Galaxis charakteristisch waren, um Formen der konkreten Wirklichkeitssimulation ergänzt.

[39] Michael Giesecke, Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschung zur aktuellen Medienökologie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002 sowie ders., „Ausblick: Auf der Suche nach posttypographischen Bildungsidealen“, in: ders., Die Entdeckung der kommunikativen Welt. Studien zur kulturvergleichenden Mediengeschichte, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2007, S. 481-510.

[40] Knowing Bodies, Moving Minds. Towards Embodied Teaching and Learning, hrsg. von Liora Bresler, Dordrecht: Kluwer 2004, S. 51-60; Embodiment – Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen, a.a.O.; Alexander Gröschner und Mike Sandbothe, „Kreativität fördern durch körperbasiertes Lernen. Pragmatistische Perspektiven für den Unterricht in Schule und Universität“, in: Medienpädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, Online-Publikation: medienpaed.com 2010.

[41] Eine Grundlegung der kulturpolitischen Ausrichtung von Philosophie findet sich in Richard Rorty, Philosophie als Kulturpolitik, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2008. Siehe dazu auch Pragmatismus als Kulturpolitik. Beiträge zum Werk Richard Rortys, hrsg. von Alexander Gröschner und Mike Sandbothe, Berlin: Suhrkamp 2011.

[42] Systematische Medienphilosophie, hrsg. von Mike Sandbothe und Ludwig Nagl, Berlin: Akademie 2005.

[43] Choa Kok Sui, Durch kosmische Energie heilen, Freiburg: Bauer 1989 sowie ders., Grundlagen der Pranaheilung.

[44] Kocku von Stuckrad, Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, München: Beck 2004.

[45] Choa Kok Sui, Die Entstehung der Pranaheilung und des Arhatic Yoga, S. 68.

[46] Ebd., S. 67.

[47] Ebd.

[48] Lexikon der Parawissenschaften: Astrologie, Esoterik, Okkultismus, Paramedizin, Parapsychologie kritisch betrachtet, hrsg. von Irmgard Oepen, Krista Federspiel, Amardeo Sarma und Jürgen Windeler, Münster: LIT Verlag 1999 sowie Martin Lambeck, Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, München: Beck 2003.

[49] Zum Verhältnis von handwerklicher Partikularerfahrung und wissenschaftlicher Generalisierung siehe Paul Feyerabend, The Tyranny of Science, Cambridge, UK: Polity Press 2011. Zur kulturpolitischen Revalidierung handwerksbasierter Kommunikations- und Wissensformen auch Richard Sennett, Handwerk, Berlin: Berlin Verlag 2008.

[50] Fritz-Albert Popp, Biophotonen – Neue Horizonte in der Medizin, Stuttgart: Haug 1983; ders., Biologie des Lichts. Grundlagen der ultraschwachen Zellstrahlung, Berlin: Paul Parey 1984; James Oschman, Energiemedizin. Konzepte und ihre wissenschaftliche Basis, München: Urban & Fischer 2009.

[51] Oschman, Energiemedizin, S. 198.

[52] Ebd., S. 194.

[53] C. David Chaffee, Building the Global Fiber Optics Superhighway, New York u.a.: Kluwer Academic / Plenum Publishers 2001.

[54] Zur Geschichte der Philosophie und Physik des Lichts siehe Arthur Zajonc, Catching the Light. The Entwined History of Light and Mind, Oxford u.a.: Oxford University Press 1995.

[55] Siehe die klassischen Arbeiten von Teilhard de Chardin (1881-1954), die Marshall McLuhan inspiriert haben, sowie die neueren Forschungen von Rupert Sheldrake, Das schöpferische Universum. Die Theorie des morphogenetischen Feldes, Berlin: Ullstein 2009; ders., Der Siebte Sinn des Menschen. Gedankenübertragungen, Vorahnungen und andere unerklärliche Fähigkeiten, Frankfurt a.M.: Fischer 2005.

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