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erschienen in: WAZ, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ausgabe Essen vom 02.10.2007.

Rafael Heiling

Digitale Müllabfuhr

Im World Wide Web steht fast alles über fast jeden, und das für Jahre. Das muss nicht immer gut sein. Ein Medienrechtler aus den USA schlägt deshalb vor, Daten müssten ein Verfallsdatum bekommen

Das Internet vergisst nicht. Sei es auch nur ein unwichtiges Detail: Was heute drinsteht, steht auch morgen steht auch in zehn Jahren noch drin - solange es niemand löscht. So ist das Internet zum Sinnbild für Allwissenheit geworden, für die perfekte Erinnerung, die der Mensch nicht hat.

Genau das ist aber auch die Schattenseite, sagt Viktor Mayer-Schönberger. Der Professor für Medienrecht an der Uni Harvard fordert deshalb, alle Informationen im Netz müssten ein Verfallsdatum bekommen. Läuft es ab, müssten die Daten automatisch verschwinden. Nur so könne der Nutzer verhindern, dass er die Kontrolle über seine Daten verliert.

Mayer-Schönberger kritisiert, dass einen Menschen seine Jugendsünden sein Leben lang verfolgen können. Einem Kanadier sei die Einreise in die USA verweigert worden, weil er 17 Jahre zuvor einmal mit Drogen erwischt worden war - das stand noch im Netz. Menschen, sagt der US-Medienrechtler, hätten sich daran gar nicht mehr erinnert. "Vergessen ist Standard, Erinnern ist Ausnahme." Im Internet sei es genau umgekehrt. Professor Mike Sandbothe, Medienphilosoph an der Aalborg-Universität in Kopenhagen und gebürtiger Essener, kennt einen vergleichbaren Fall: "Ein homosexueller Lehrer hatte in einem Datingservice im Internet nach einem Sexualpartner gesucht. Eltern seiner Schüler haben die Anzeige entdeckt und an die regionale Tageszeitung geschickt." Wenig später habe der Lehrer kurz vor der Entlassung gestanden.

Mit dem Internet haben die Menschen die Macht darüber, was die Welt über sie weiß, ein Stück aus der Hand gegeben. Sie könnten sie aber wieder zurückbekommen, sagt Mayer-Schönfelder - wenn das Internet vergisst, so wie auch Menschen vergessen.

Mit diesem Gedanken muss man sich aber erstmal anfreunden, erklärt der Medienphilosoph Erich Hörl, Professor an der Ruhr-Universität Bochum. "Speicherplatz war lange knapp und teuer. Da hat unsere Kultur ihr Gedächtnis über alles gestellt und versucht, möglichst viele Informationen zu sammeln und zu bewahren."

Menschen wollen Wissen jagen und sammeln. Das gigantische Internet Archive in San Francisco speichert auf seinen Rechnern seit 1996 Texte, Audiodateien, Videos und Software. Auch Internetseiten werden sozusagen fotografiert und dann abgelegt. Getrieben von dem Gedanken, das allwissende Weltgedächtnis zu schaffen, von dem die Internet-Mythen träumen. Der Nutzer muss sich dann durch das Informationsgestrüpp schlagen und lernen, sozusagen das Unkraut von den leckeren Früchten zu unterscheiden.

Über den Drang, Informationen anzuhäufen wie ein Eichhörnchen die Nüsse, hätten die Menschen aber die andere Seite der Medaille aus den Augen verloren, sagt Hörl: "Wir haben vergessen, zu vergessen." Kulturen seien nicht nur Gedächtnis-, sondern immer auch Vergessenskulturen - das hätten die Menschen bisher missachtet. Sie seien geradezu gedächtnisfixiert. Jugendsünden dürften einem aber nicht ewig nachhängen. Da sei im Internet die Kommunikation in Kontrolle ausgeartet, zum Beispiel, weil Personalchefs ihre Bewerber erstmal googeln. Insofern sei die Idee von Mayer-Schönberger durchaus berechtigt.

Damit ließen sich womöglich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Es würden nämlich endlich all die Seiten verschwinden, auf denen steht "Diese Seiten werden leider nicht mehr aktualisiert" und die seitdem brachliegen. Die Infos veralten vor sich hin, bis der Seitenbesitzer die Miete für Speicherplatz oder Internetadresse nicht mehr zahlt.

Internet-Seiten in den Orkus zu befördern, ist technisch kein Problem; im Gegensatz zum Menschen kann eine Maschine auf Befehl vergessen. Sandbothe ist aber dagegen, ein automatisches Verfallsdatum einzuführen: "Die Vergangenheit könnte von der jeweils regierenden Partei flexibel umgeschrieben werden; Journalisten könnten Politiker nicht mehr mit ihren früheren Aussagen, Versprechen und Programmen konfrontieren; die Wissenschaft bekäme Probleme mit ihrer eigenen Geschichte undsoweiter."

Auch Hörl sieht Schwierigkeiten in der Praxis: "Wer entscheidet, welche Daten es wert sind, erhalten zu werden? Was muss schneller vergessen werden als anderes?"

Sandbothe fordert "eine sinnvolle Balance zwischen dem Recht auf Vergessen und dem Interesse an der Erinnerung." Dafür sollte aber keine Entsorgungs-Automatik zuständig sein, sondern die Netz- Nutzer selber: Der Datenschutz müsse verteidigt werden; wer etwas von sich preisgebe, müsse immer genau erfahren, wofür und an wen. Und Medien müssten nicht noch über das letzte private Detail berichten: "Leider haben sich viele Menschen an exzessive Grenzüberschreitungen dieser Art viel zu schnell gewöhnt."

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