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Vortrag im Rahmen des Weimarer Medienphilosophie Workshops am 2. April 2003.
zu: Stefan Münker, Alexander Roesler, Mike Sandbothe (Hrsg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs, Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2003, 224 Seiten, 12,90 €.

Lambert Wiesing

Reaktion

I. Teil

Ich möchte der Aufforderung der Veranstalter nachkommen und konkret auf den Band „Medienphilosophie“ eingehen. Was immer man gegen die einzelnen Beiträge sagen mag, der Band selbst ist ausgesprochen homogen, das heißt: In der Tat alle Beiträge lassen sich uneingeschränkt auf die Frage ein:  „Was ist Medienphilosophie?“ Aus meiner Sicht können aus den 12 Beiträgen insgesamt 6 grundsätzliche Positionen herausgearbeitet werden. Zumindest konnte ich sechs Antworten auf die Frage „Was ist Medienphilosophie?“ finden. Ich möchte diese Einteilung als erstes vorstellen und dann kommentieren.

1. Medienphilosophie ist Philosophie über begriffliche Probleme angesichts der modernen Medienwelt

Diese Antwort sehe ich bei Stefan Münker. Das besondere Merkmal dieses Verständnisses von Medienphilosophie besteht meiner Meinung nach darin, dass Medienphilosophie als eine Reaktion auf die jüngeren Veränderungen innerhalb der Gesellschaft konzipiert wird. Die so verstandene Medienphilosophie kann erst in der Medienwelt entstehen, denn sie thematisiert ja die Medienwelt. Münker schreibt: „Erst in dem Moment, wo unsere Lebenswelt im Ganzen vom Umgang mit den so genannten Neuen: elektronischen und digitalen) Medien geprägt ist, wird eine Disziplin wie die Medienphilosophie sinnvoll und notwendig zu gleich“ (18). Nun könnte man sagen, dass diese Beschreibung nicht für die Medienphilosophie spezifisch ist, sondern eher Medienwissenschaft oder Medientheorie insgesamt betrifft. Deshalb wird eine thematische Spezifizierung vorgenommen. Bei Münker lautet dies so: „Die Sache der Medienphilosophie ist die Reflexion begrifflicher Probleme, die sich als Folge von Verarbeitung und Verwendung elektronischer und digitaler Medien einstellen“ (20). Das heißt: Ähnlich wie es philosophische Erörterungen über Transplantation und Gentechnik erst gibt, seitdem es diese Techniken gibt, gibt es eine Medienphilosophie erst, seid dem es diese Techniken gibt. Dieses Verständnis bringt die Medienphilosophie in eine Abhängigkeit zur Gegenwart, doch diese Abhängigkeit wird begrüßt: Weil sich die Welt verändert hat, gibt es für die Philosophie neue Themen. Dies wird als positiv angesehen: „Sie erhielte zugleich einen spezifischen Gegenwartsbezug“ (24). Deshalb gilt für Münker: „Die Philosophie sollte die Sache der Medienphilosophie zu ihrer Sache machen“ (21).

2. Medienphilosophie ist Arbeit am Medienbegriff

Diese zweite Antwort steht nicht im Widerspruch zum ersten Vorschlag. Besonders deutlich findet sich die zweite Position bei Alexander Roesler: Seine Begründung baut auf einem gleichermaßen einfachen wie überzeugenden Gedanken auf: Philosophie ist traditionellerweise die Arbeit am Begriff, folglich ist Medienphilosophie die Arbeit am Medienbegriff. Deshalb definiert er Medienphilosophie als „ein Nachdenken über Medien im Hinblick auf den Begriff ‚Medium’, über ein Verständnis dessen, was dieser Begriff bedeuten soll und was mit ihm zusammenhängt, über die theoretischen Auswirkungen dieses Begriffs auf andere Begriffe, über den Status von Theorien, die um diesen Begriff herumgebaut sind, alles das sind Fragen, wie sie traditionell in der Philosophie anlässlich solcher Begriffe wie ‚Wahrheit’, ‚Sein’, ‚Bedeutung’, ‚Geist’ usw. gestellt worden sind und gestellt werden. Warum nun also nicht anlässlich des Begriffs ‚Medium’?“ (35)

Diese Position unterscheidet sich in ihren Auswirkungen in einem entscheidenden Punkt von der ersten Position, nämlich in der Bewertung der Bedeutung der Veränderungen in der Medienwelt für das Programm der Medienphilosophie. Die „zunehmende Dominanz der klassischen Massenmedien in der Meinungsbildung, aber auch andere Entwicklungen wie z.B. Bildgebungsverfahren im medizinischen Bereich haben unseren Sinn für die Wichtigkeit von Medien geschärft“ (38). Das heißt: Die Veränderungen der Medienwelt können zwar ein Anlass zur Reflexion über den Medienbegriff sein, sind aber nicht das eigentliche Thema. Das Thema der so verstandenen Medienphilosophie ist unabhängig von Entwicklungen der Medien.

3. Medienphilosophie ist der Grundlagendiskurs der Kultur- und Medienwissenschaften

Diese dritte Position sah ich besonders deutlich bei Reinhard Margreiter, Stefan Weber und Barbara Becker, sowie bei Mike Sandbothe. Ziemlich eindeutig auf den Punkt gebracht ist dieses Verständnis von Medienphilosophie in der Formulierung von Margreiter: „Medienphilosophie kann als eine Art kultureller Grundlagendiskurs betrachtet werden“ (151). Hierzu passt der Gedanke von Stefan Weber „Medienphilosophie in diesem Sinne meint somit die Beschäftigung mit den philosophischen Grundlagen medien- und kommunikationswissenschaftlicher Theoriebildung“ (176). Das besondere Merkmal dieses Medienphilosophie-Verständnisses scheint mir zu sein, dass es fest mit einem bestimmten Verständnis über die Beziehung von Medienphilsophie und Medienwissenschaft verbunden ist. Barbara Becker hat diese Beziehung als „differenzerhaltenden Dialog“ (91) beschrieben: Es geht in der so verstandenen Medienphilosophie letztlich um die – so Becker – „Einbindung philosophischer Perspektiven in die medientheoretische und medienanalytische Forschungslandschaft“ (93). Die Hoffnung dieses Medienphilosophieprogramms ist, dass ein „philosophisch begründeter Blick auf aktuelle Medienentwicklungen wichtige Impulse für die Deutung des Beobachtbaren geben kann“ (105).

In gewissen Sinne sehe ich auch Mike Sandbothes Position in dieser Richtung, wenn er soweit geht und „Medienphilosophie als wissenschaftstheoretische Dienstleisterdisziplin innerhalb der Kultur-, medien- und Kommunikationswissenschaften“ versteht (185). Eine Besonderheit – vielleicht auch besondere Radikalität – des Ansatzes von Sandbothe besteht darin, dass sein Dienstleisterkonzept der medienphilosophischen Grundlagen-Reflexion ein Verständnis von Medienphilosophie impliziert, demnach sie ein Instrument zur Veränderung der Medienpraxis sein sollte. Die Dienstleistung geht bei Sandbothe soweit, dass er Medienphilosophie nicht nur in Reflexionen vollzogen sieht, sondern auch – und hier steht er ganz in der Tradition von Aristoteles – verlangt, dass die Reflexion praktisch umgesetzt wird, dass die Welt der Medien letztlich durch philosophische Reflexion auch verändert und verbessert wird, oder zumindest verbessert werden soll. In dieser Hinsicht hat der Vorschlag von Sandbothe eine Sonderstellung: Er ist der einzige Vorschlag, der eine Praxisveränderung mit in den Umfang der Bedeutung des Medienphilosophiebegriffs nehmen will.

4. Medienphilosophie ist die Erweiterung des linguistic turn zum medial turn

Der Gedanke dieser Auslegung von Medienphilosophie ist relativ einfach: Medien übernehmen in der Medienphilosophie die Funktion, welche die Sprache in der Sprachanalytischen Philosophie innehat. Man findet dieses Verständnis bei Martin Seel, Sybille Krämer und Matthias Vogel. So Vogel: „Zentral ist die Einsicht, dass jegliches konstruktives Herstellen von Orientierung seit je durch Medien erfolgt und dass philosophiehistorische Positionen wie Transzendentalphilosophie, moderne Sprachphilosophie und schließlich Zeichen- und Symbolphilosophie stufenweise zu einem medienphilosophischen Paradigma hinführen“ (169). Das Dogma dieses Paradigma findet sich in dem Band diverse Male. Roesler. „Ohne Medium gibt es keine Bedeutung“ (48). Krämer: „Alles, was Menschen beim Wahrnehmen, kommunizieren und Erkennen ‚Gegeben’ ist, ist in Medien gegeben“ (83). Die Medien werden hier zu logischen und das heißt eben auch zu unsichtbaren Bedingungen der Möglichkeit des Gegebenseins. Krämer: „Die Frage nach medialen Konstitutionsleistungen zu stellen heißt, die fraglosen, die unsichtbaren Voraussetzungen von Zeichengebrauch und Interpretation thematisch werden zu lassen“ (89).

Aus diesem Verständnis der Medienphilosophie als der Vollzug eines medial turn ergeben sich meiner Ansicht nach zwei wesentliche Konsequenzen.

1. Medienphilosophie ist keine philosophische Teildisziplin

Da ist erstens, die vielleicht wichtigste Konsequenz, dass die Medienphilosophie überhaupt keine Disziplin innerhalb der Philosophie ist, sondern vielmehr ein Verständnis, wie Philosophie in allen ihren Disziplinen betrieben werden sollte. Seel bringt diese Konsequenz besonders klar auf den Punkt: „Wäre Medienphilosophie erfolgreich, würde sie weiniger den Kranz der philosophischen Disziplinen als vielmehr die art des Philosophierens selbst bereichern“ (15).

2. Medienphilosophie ist letztlich eine Theorie des Geistes

Diese zweite Konsequenz findet sich explizit bei Vogel und Margreiter. Vogel: „Wenn ich recht sehe, führt dieser Weg zu einem Konzept, das die Medientheorie im Kontext einer umfassenden Theorie des Verstehens und des Geistes verankert“ (118). Und auch Margreiter meint: „Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur medientheoretischen Fassung und Reformulierung einer ‚philosophy of mind’“ (170).

5. Medienphilosophie ist die von den Medien praktizierte Philosophie

Ich komme zur fünften Antwort, von der ich sagen muss, dass sie die für mich mit Abstand originellste Position in dem Band war – nicht weil ich sie richtig finden würde, sondern weil es sich um eine für mich ganz unerwartete Auslegung der Medienphilosophie handelte. Ich denke an die Position, für die sich Lorenz Engell stark macht. Ich würde diese Position so erklären: Der Genetiv in der Formulierung „Philosophie der Medien“ kann sowohl ein genetivus subjectivus wie auch ein genetivus objectivus sein. Folglich kann mit dem Begriff „Medienphilosophie“ sowohl die Philosophie, die sich mit Medien befasst, wie auch eine Philosophie, welche in Medien vollzogen wird, angesprochen werden. Und genau letzteres ist für Engell das Thema der Medienphilosophie: „die philosophische Praxis der Medien“ (77). Es gilt, in der Medienphilosophie die in einem Medium vollzogene Philosophie in das klassische Medium der Philosophie, die Schrift, zu übertragen. Der Medienphilosoph ist nur noch eine Art Dolmetscher, der zwar nicht einen philosophischen Text in eine andere Sprache, aber doch eine philosophische Praxis in eine Sprache übersetzt. Das heißt zum Beispiel: Es soll – so Engell – „die Philosophie des Fernsehens aus dem ihm ‚Eigenen’ – dem Fernsehen – ins ihm ‚Fremde’ – das Philosophisch-Schriftliche – übertragen werden.“ (52)

6. Medienphilosophie kann es nicht geben

Es muss noch eine sechste Antwort auf die Frage „Was ist Medienphilosophie?“ berücksichtigt werden: die Position von Elena Esposito. Sie behauptet, dass es keine Medienphilosophie geben kann. Zumindest schreibt sie: „ich werde die These vertreten, dass es keine Medienphilosophie geben kann“ (26). Zu dieser These kommt sie, obwohl sie ihre Überlegungen mit dem Gedanken abschließt: „Welche Konsequenzen können wir aus diesen Überlegungen ziehen? Zuerst, dass angesichts der diffusen Desorientierung und des Mangels an Kriterien eine angemessene theoretische Reflexion zu den laufenden Medienprozessen dringend notwendig ist“ (31). Dies ist kein Widerspruch, sondern in der Tat muss der Gedanke ernst genommen werden, dass die angemessene theoretische Reflexion – wer immer entscheidet, was das ist – nicht philosophisch erbracht werden kann. Für Elena Esposito müsste sich die Philosophie in Psychologie oder Soziologie verwandeln, wenn sie sich mit Medien befassen will.

II. Teil

Soweit meine Sichtung der in dem Band „Medienphilosophie“ vorgestellten Positionen. Ich möchte nun zu diesen Positionen Stellung nehmen, aber nicht zu jeder einzelnen. Mir ist nämlich etwas aufgefallen, was ich ausgesprochen eigenwillig finde. Die einzelnen Positionen unterscheiden sich alle dadurch, dass sie der Medienphilosophie ein jeweils anderes Thema geben, was eben dann jeweils in der Medienphilosophie philosophisch erörtert werden soll. Einmal ist es die Medienwelt, dann die begrifflichen Probleme, dann die transzendentale Stellung der Medien oder die implizite Philosophie der Medien selbst und so weiter. Obwohl sich die Autoren für durchaus unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft der Medienphilosophie stark machen, scheinen sie sich doch bemerkenswert einig zu sein, was Philosophie überhaupt ist. An diversen Stellen wird explizit gesagt, was man unter Philosophie versteht. Dies geschieht bereits auf der ersten Seite des Buches. Dort schreiben die Herausgeber: „Die Aufgabe der Philosophie besteht traditionell im Klären von Begriffen“. Diese Definition zieht sich wie ein roter Faden durch die Beiträge. Bei Stefan Münker heißt es: „Man kann Philosophieren ganz allgemein als eine Tätigkeit der Reflexion begrifflicher Probleme verstehen“ (17). Selbst in Frank Hartmanns polemischem Nörgeln über die Philosophie, heißt es aber immer noch, dass sie die „traditionelle Domäne der Begriffsarbeit“ (136) ist. Alexander Roesler sagt explizit „Philosophie ist „Arbeit am Begriff“. Als diese Arbeit ist sie Klärung der Bedeutung von Begriffen und Klärung der Verhältnisse der Begriffe untereinander“ (35)

Mein Problem mit diesen Definitionen ist folgendes: Ich glaube nicht, dass sie falsch sind, sondern dass sie alle nicht hinreichend sind. Philosophie ist als Arbeit am Begriff unterbestimmt. Ferner möchte ich zeigen, dass genau in dieser Unterbestimmung ein besonders Problem besteht, wenn man Medienphilosophie programmatisch festlegen will. Dieses Problem sehe ich auch für die Philosophiedefinition, die Margreiter gibt und die auf den ersten Blick anders klingt: „Die Aufgabe von Philosophie ist den Gesamtzusammenhang von Wirklichkeit, Erfahrung und Denken in den Blick zunehmen.“

Lassen Sie mich meine Schwierigkeit darstellen. Ich glaube, dass ein zentrales Problem bei der Bestimmung eines dezidiert medienphilosophischen Programms darin besteht, dass die allseits geteilte Definition „Philosophie ist Arbeit am Begriff“ nur ein notwendiges, aber nicht ein hinreichendes Merkmal von Philosophie bestimmt. Es fällt auf, dass in dem ganzen Band dieses notwendige Merkmal philosophischer Tätigkeit als hinreichendes Merkmal behandelt wird. Um es auf den Punkt zu bringen. Natürlich stimme ich uneingeschränkt zu, dass Philosophie Arbeit am Begriff ist; natürlich stimme ich mit Engell überein, dass Philosophie die Reflexion von Möglichkeiten ist; natürlich stimme ich auch Margreiter zu, dass Philosophie Gesamtzusammenhänge in den Blick nimmt. Doch keine dieser Aussagen trifft ein hinreichendes Merkmal der Philosophie! Philosophie ist Arbeit am Begriff, aber nicht jede Arbeit am Begriff ist Philosophie, auch nicht die Arbeit an jedem Begriff ist Philosophie. Philosophie ist Reflexion von Möglichkeiten, aber nicht jede Reflexion von Möglichkeiten ist Philosophie. Philosophie nimmt Gesamtzusammenhänge in den Blick, aber nicht jede Inblicknahme von Gesamtzusammenhängen ist Philosophie. Ich kann mein Problem an einer Aussage von Stefan Münker konkretisieren: „Die Sache der Medienphilosophie ist die Reflexion begrifflicher Probleme, die sich als Folge von Verarbeitung und Verwendung elektronischer und digitaler Medien einstellen“ (20).

Die Frage, die ich stellen will, ist: Was heißt hier Reflexion? Der Begriff „Reflexion“ scheint mir ein zentraler Begriff in dem Band zu sein, weil er vage ist, und dennoch von allen Autoren – außer Roesler – verwendet wird, wenn beschrieben wird, was Philosophen machen. Philosophen reflektieren. Was mir fehlt, ist die Diskussion der Frage, ob eine Reflexion in der Philosophie bestimmte Eigenschaften erfüllen muss, oder ob jede Art von Reflexion Philosophie sein kann, wenn sie sich nur mit den Themen der Philosophie befasst, also mit begrifflichen Problemen. Sybille Krämer setzt jedes mal, wenn sie den Begriff verwendet, und Stefan Münker sehr oft, wenn er den Begriff verwendet das Adjektiv philosophisch davor - das finde ich einen Schritt in die richtige Richtung, denn er signalisiert, das offensichtlich nicht jede Reflexion per se philosophisch ist, sonst bedürfte es ja nicht des Adjektivs.

Doch insgesamt gilt für den Band: Es werden keine Kriterien benannt oder bestimmt, mit denen festgelegt wird, was eine Reflexion sein soll, was eine Arbeit am Begriff sein soll, geschweige denn Kriterien, an denen man erkennen kann, was eine gute Reflexion und was eine schlechte Reflexion, was eine geglückte Arbeit, was eine untaugliche Arbeit ist. Ich möchte nun behaupten, dass keineswegs jede Reflexion auf Begrifflichkeit nur weil sie eine Reflexion auf Begrifflichkeit ist, sinnvoller Weise den Anspruch erheben kann, Philosophie zu sein. Nur bestimmte Formen der Reflexion über Begriffe und nur bestimmte Arbeit am Begriff sind philosophischer Art. Die Reflexion und Begriffsarbeit ist ein notwendiges aber kein hinreichendes Merkmal von philosophischer Tätigkeit. In dem Band wird mehrmals darauf hingewiesen, dass man bei der Bestimmung von Medienphilosophie mit einem traditionellen Begriff von Philosophie arbeitet. Doch in dieser traditionellen Sicht von Philosophie als Arbeit am Begriff war eben vollkommen unzweifelhaft, dass die Arbeit am Begriff – wie Hegel sagen würde – die Arbeit des Begriffs ist. Die Reflexionstätigkeit der Philosophie ist traditioneller Weise die, die sich selbst erstens als wissenschaftlich und zweitens als ausschließlich argumentativ versteht. Das Ergebnis dieser Tätigkeit erhebt einen bestimmten Anspruch, nämlich den auf intersubjektive Wahrheit. Philosophie zeichnet sich nicht nur durch Arbeit am Begriff aus, sondern darüber hinaus, dass es bei dieser Arbeit um die argumentative Begründung von Wahrheit geht.

Ich möchte noch mal den Satz Hegels aus der „Phänomenologie des Geistes“ zitieren, der bei dem im Band stets verwendeten Philosophieverständnis Vorbild ist: „Wahre Gedanken und wissenschaftliche Einsicht ist nur in der Arbeit des Begriffs zu gewinnen“ (65). Da weiß man, worum es in der Philosophie traditionellerweise geht. Jetzt mögen Sie vielleicht sagen: Das ist doch selbstverständlich. Dann würde ich mit einem Zitat von Frau Krämer kontern: „Die Philosophie fragt nach dem, was uns selbstverständlich ist“ (88). Und übrigens glaube ich nicht, dass dies als selbstverständlich anzusehen ist. Ich glaube nicht, dass es ein bloßes Vergessen ist, dass in einem Band, welcher eine Disziplin vorstellen will, nirgendwo diskutiert wird, welche Eigenschaften die Ergebnisse dieser Disziplin haben sollen, woran man gute und schlechte Ergebnisse soll unterscheiden können. Es wird nicht gesagt, dass oder ob es um Wahrheit und Geltung geht.

Man hat den Eindruck, dass allein das Thematisieren des Themas der Medienphilosophie reicht, um als Vollzug von Medienphilosophie angesehen zu werden. Medienphilosophie macht also der, der über Medien reflektiert und nicht der, der Erkenntnisse mit Anspruch auf Gültigkeit durch die Reflexionen erreicht. Die Reflexion ist dann nicht mehr der Weg, sondern schon das Ziel der Philosophie. Genau das halte ich für bedenklich – und möchte deshalb einen Vorschlag machen, wie ich Medienphilosophie verstehen würde. Und dieser Vorschlag hält sich nicht so sehr am Thema der Medienphilosophie auf. Das Thema kann doch ruhig vage und weit sein, andere Disziplinen haben auch ein weites Thema: Man denke mal daran, was alles Thema der Ästhetik ist. Insofern würde ich zum Thema der Medienphilosophie schlicht sagen: Medienphilosophie befasst sich thematisch mit Problemen, die im weitesten Sinne mit Medien zu tun haben. Aber – und genau darin sehe ich den entscheidenden Punkt: Medienphilosophie bemüht sich um Erkenntnisse – um wahren gerechtfertigten Glauben – über Medien, deren Geltung sich nicht empirisch, sondern ausschließlich argumentativ belegen lässt. Medienphilosophie ist die Medienwissenschaft für genau die Probleme, die sich nicht mit empirischen Methoden lösen lassen. Das besondere der Medienphilosophie gegenüber der Medienwissenschaft ist überhaupt nicht ihr Thema, sondern ihr Anspruch. Philosophie bemüht sich um Erkenntnisse, welche sie zu begründen oder gar zu beweisen versucht. Dies geht aber nur, wenn man als Medienphilosoph mit einem diskursiven Anspruch auftritt,  das heißt etwas behauptet, was kritisierbar ist. Die Reflexion der Philosophie ist nicht eine Form der Erfahrung oder Assoziation.

Lorenz Engell

Ich möchte vor diesem Hintergrund auf den meiner Ansicht nach radikalsten Beitrag in dem Band „Medienphilosophie“ eingehen – auf Lorenz Engells These von der „Philosophie des Fernsehens“. Wie fast alle anderen Autoren auch arbeitet Engell an zentraler Stelle mit dem Begriff der „Reflexion“. Ich glaube, dass der Grund für die Beliebtheit dieses Begriffs darin besteht, dass das Wort „Reflexion“ eine Äquivokation ist. So bezeichnet „Reflexion“ einerseits einen rationalen Gedankengang, schlicht ein Nachdenken, Reflexion in diesem Sinne führt dazu, das etwas gedacht wird. Jemand stellt eine Reflexion an, dies ist ein intentionaler, mentaler Vorgang. Andererseits wird mit Reflexion aber auch die sichtbare Spiegelung auf einer Fläche bezeichnet; Reflexion in diesem Sinne führt dazu, das etwas gezeigt wird. Dies ist kein mentaler, sondern ein optischer Vorgang. Diese beiden Bedeutungen gilt es zu trennen, obwohl es auch eine Gemeinsamkeit gibt. Im engeren Sinne bezeichnet Reflexion nicht jeden Gedankengang, sondern nur den Gedankengang, in dem sich jemand mit sich selbst befasst, so wie jemand im Spiegel selbst reflektiert wird. Trotzdem hat man es mit einer Äquivokation oder genauer gesagt, wenn es zu einer Vermischung der Bedeutungen kommt, mit einer klassischen Katachrese zu tun. Lorenz Engell differenziert die beiden Bedeutungen dieses Begriffe selbstverständlich. Er kommt ganz treffend dazu, die Philosophie als eine Form der Reflexion im Sinne von Denken zu bestimmen. Das ist ganz basal: Philosophieren wird durch Denken vollzogen. So Engell: „Nur das in der Philosophie stets vorausgesetzt, aber nicht mitgeteilte Medium der Verbalschrift sichert die Reflexivität der Kommunikation, das Bedenken des Denkens (das meinte ich!), die Sinnhaftigkeit des Sinns und ermöglicht damit – und benötigt – Philosophie“ (57). Das ist vollkommen überzeugend: Philosophie ist ein Bedenken des Denkens – aber es ist eben damit Reflexion im Sinne von Denken. Ganz anders ist es etwa bei Bildern – Bilder können nicht denken. Sie können das Produkt einer durchdachten Tätigkeit sein, sind aber nicht selbst Subjekte, die denken. Bei Bildern ist Reflexion ein optisches Phänomen des Sichtbarmachens, des Spiegelns und zeigen. Auch dies wird von Engell herausgestellt, indem er darauf hinweist, dass „Bildkünste, die die Reflexivität des Mediums im Spiegel der beobachtbaren Formen sichern und so seine Medialität überhaupt denkbar machen“ (58).

Die These von der Fernseh-Philosophie basiert nun auf einer bewussten Gleichsetzung dieser Äquivokation: Weil im Fernsehen etwas bestimmtes gezeigt wird, was man als ein sichtbares Reflektieren von medialen Möglichkeiten beschreiben kann und man ferner der Meinung ist, das Denken von medialen Möglichkeiten Philosophie ist, man dieses Denken auch als Reflexion bezeichnen kann, kann man sagen, dass das Fernsehen philosophiert – dies geschah im Fall der Mondlandung: „Der Möglichkeitsraum des Fernsehens (oder des Fernsehers als Medium) wird im Mondflug als Form des Fernsehens reflexiv“ (61). Das heißt hier konkret: Das Fernsehen zeigt eine mediale Möglichkeit, in dem sie diese Möglichkeit verwirklicht. Wenn man jetzt Reflexion im Sinne von Zeigen mit Reflexion im Sinne von Denken gleichsetzt, dann kann man in der Tat schlussfolgern, dass Fernsehen philosophiert. Engell: „Spätestens hier entfaltet sich Fernsehen als philosophische Apperatur“ (61). So kommt es auch zu dem Ergebnis, dass Engell die Medien so behandeln kann, als wenn die selbst etwas machen und tun würden. So werden Ereignisse in den Medien zu Handlungen von Medien, welche so zu Subjekten werden – was sie aber nicht sind. Die Medien werden durch Identifizierung einer Analogie zu Subjekten. Wenn man Reflexion im Sinne von Denken nimmt, dann hat man es in der Tat mit einem Subjekt zu tun, das denkt; nicht nur ein grammatikalisches Subjekt. Wenn man Reflexion im Sinne von Spiegeln und Zeigen nimmt, dann hat man es nicht mit einem Subjekt zu tun. Der Spiegel reflektiert das und das. Es wäre ganz abwegig, dieses Reflektieren des Spiegels als eine Handlung des Spiegels zu beschreiben, genauso wie es ganz abwegig ist, dass Medien im Sinne Dispositiven und Geräten irgendetwas tun oder handeln. Wenn ein Spiegel oder ein Bild reflektiert, dann hat man es mit einem grammatikalischen Subjekt zu tun. Das heißt: Die These von der Medienphilosophie in Medien, die These vom Fernsehen als philosophische Apperatur hängt von der Identifizierung der doppelten Bedeutung einer Äquivokation ab, und diese Identifizierung ist wiederum eben nur möglich, weil man Reflexion als ein hinreichendes, aber nicht nur als ein notwendiges Merkmal von der philosophischen Tätigkeit ansieht. Das war ja meine These, und der Punkt, den ich problematisch sehe. Wenn man Reflexion auf mediale Möglichkeiten als Philosophie definiert, dann werden Medien zu Subjekten, und man findet Philosophie auf einmal an Stellen, wo man sie traditioneller Weise nicht findet: Lorenz Engell ist hier beeindruckend konsequent - nicht nur im Fernsehen findet Philosophie statt, sondern auch ganz treffend wird die Mathematik zu einer Vollzugsform der philosophischen Tätigkeit: „Was die Philosophie für die Verbalschrift leitstet, das leistet vermutlich doch die Mathematik als Philosophie der Zahl für dieses Medium“ (57). Man hat hier also eine sehr radikale Erweiterung: Vieles wird so zu Philosophie, was üblicherweise keine Philosophie ist – eben zum Beispiel Mathematik und Kunst. Fernsehen und Mathematik kann nur deshalb als Philosophie angesprochen werden, weil man Philosophie mit einem Merkmal definiert, was nicht spezifisch ist. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als das traditionelle Philosophieverständnis wieder durch eine additive Einengung zu bestimmen. Um das ansprechen zu können, was man traditioneller Weise Philosophie nannte, muss man denn erweiterten Philosophiebegriff wieder durch ein Adjektiv einengen – so wie bei Krämer und Münker auch zumeist von philosophischer Reflexion die Rede ist. Doch bei Engell ist Reflexion schon synonym mit Philosophie. Unter den vielen Formen der Reflexion muss die besondere Form der Reflexion, welche man traditionell und sinnvoller Weise als Philosophie bezeichnet, durch eine Bindestrichkonstruktion eingrenzt werden. Genau dies macht Engell, indem er die besondere Form der Reflexion, welche traditioneller Weise als Philosophie bezeichnet, als Philosophen-Philosophie bezeichnet. Ich habe den Begriff nicht bei Nietzsche gefunden, aber er könnte von Nietzsche sein. Herr Engell, ist er von Nietzsche?

Schon an der Bildung dieses Begriffes kann man sehen, dass die Argumentation auf dem Gedanken aufbaut, dass ein notwendiges Merkmal als hinreichendes genommen wird. Dieser Fehler ist die logische Bedingung der Möglichkeit um diesen allerdings beeindruckenden Begriff „Philosophen-Philosophie“ überhaupt bilden zu können. Aber man muss beachten: In der Formulierung „Philosophen-Philosophie“ ist der erste Begriff „Philosophie“ vor dem Bindestrich nicht gleich bedeutend mit dem zweiten Begriff „Philosophie“. Der zweite Begriff bedeutet nur Reflexion; in diesem Sinne gibt es auch in der Mathematik Reflexion, und wenn man die Doppeldeutigkeit auch identifiziert, gibt es in diesem Sinne auch im Fernsehen Reflexion.

Der erste Begriff „Reflexion“ vor dem Bindestrich bedeutet aber die besondere Reflexion, wie man sie eben von Philosophen kennt: die argumentative, wissenschaftliche, diskursive Philosophie. Man kommt also nicht umhin, dieser Sonderform zu akzeptieren. Das heißt aber: Eine andere Philosophie, eine „Fernseh-Philosophie“ kann es eben nur geben, wenn man Reflexion alleine schon für hinreichend erachtet – doch dass kann man nun wirklich nicht ernsthaft wollen, weil dann alles, was - in dem obendrein doppelten Sinne von „reflexiv“ - reflexiv  ist, Philosophie ist. Das wäre ein grenzenlos inflationärer Philosophiebegriff. Deshalb ist Philosophen-Philosophie die einzig denkbare Form von Philosophie – womit ich jetzt nicht gesagt habe, dass Philosophen deshalb immer Professoren, Akademiker oder – wie es bei Hartmann spöttisch heißt - Beamte sein müssen. Ich möchte mich ganz Alexander Roesler anschließen, der diesen Punkt in einem Satz auf den Punkt gebracht hat, der geradezu mein Lieblingssatz in dem Buch ist: „Philosophie betreibt nur Philosophie“.

Kurzum: Man sieht, warum ich es für bedenklich halte, Philosophie nur als Arbeit am Begriff, oder nur als Reflexion zu bestimmen. Herr Engell spricht bei der Mathematik von einer Philosophie der Zahl – das ist natürlich aus der Sicht der Philosophie ein schönes Kompliment, denn alles was unter dem Titel „Philosophie der Zahl“ kursiert ist nicht annähernd so unumstritten, wie das was in der Mathematik gemacht wird. Die meisten Philosophen wären froh, wenn ihre Ergebnisse so überzeugend wären, wie die Ergebnisse der Mathematik. Das ist es ja, was ich betonen möchte: Mathematik, Philosophen-Philosophie und Fernseh-Philosophie gleichermaßen als Philosophie zu bezeichnen, setzt voraus, dass man das Gelingen und die Geltung, Gültigkeit und Wahrheitsanspruch nicht für wichtig hält. Denn dies bezüglich unterscheiden sich diese drei Philosophien doch sehr. Hier kommt man nun zu dem entscheidenden Punkt, der mir eben bemerkenswerter Weise in dem Buch nicht thematisiert wird. Nämlich was man von den Ergebnissen der Arbeit am Begriff, der Reflexion – auch in der Philosophie der Medien – verlangt.

Ich möchte deshalb meine Sicht auf die Medienphilosophie wie folgt darstellen. Ich glaube das sich diese Art der Reflexion nicht primär über ein Thema bestimmt. Deshalb scheinen mir viele derartige Versuche in dem Buch mit einem falschen Problem befasst. Die Frage „Was ist Medienphilosophie?“ wird nicht primär durch einen Gegenstand beantwortet, den die Medienphilosophie bearbeitet. Diesbezüglich wäre ich locker und großzügig: Medienphilosophie hat im weitesten Sinne mit Medien zu tun. Medienphilosophie hat also nicht unbedingt einen anderen Forschungsgegenstand als Medienwissenschaft oder Kommunikationswissenschaft. Deshalb kann ich Martin Seels eigenwilliger These zustimmen: „Die Medienphilosophie hat keinen eigenen Gegenstand“ – ich würde bloß zu bedenken geben: das gilt für jede philosophische Disziplin. Die Gegenstände, welche von Philosophen thematisiert werden, werden immer auch noch von anderen thematisiert – aber sie werden eben auch anders thematisiert. Das ist der springende Punkt. Was Medienphilosophie von anderen Wissenschaften über Medien unterscheidet ist der Anspruch, den Philosophen an Erkenntnisse stellen. Die Medienphilosophie steht und fällt mit dem Philosophieverständnis. Hier kann ich mich uneingeschränkt Stefan Münkler anschließen: „Medienphilosophie hat es nicht primär mit Medien zu tun – denn der Gegenstand sind nicht die Medien selber, sondern philosophische Probleme“ (19). Ob man sagt, Thema der Medienphilosophie sind die Medien, der Medienbegriff oder die Medienbedingungen, ist letztlich egal. Da kann man doch schnell, sagen: alle drei. Die Ästhetik oder die Ethik hat auch mehrere Themen. Entscheidend ist, dass sich Medienphilosophie nicht durch den Gegenstand bestimmt, sondern durch die Methode, wie ein Anspruch auf Wahrheit in der Rede über Medien bewiesen wird. In diesem Sinne kann ich mich ganz dem ersten Satz von Sybille Krämer anschließen: „Beim Philosophieren kommt es nicht darauf an, welche Fragen gestellt werden, sondern wie Antworten darauf gesucht und manchmal auch gefunden werden“ (78). Hier gibt es auch einen medialen Zusammenhang: Weil Philosophie Wahrheitsansprüche entwickelt, ist sie an ein Medium gebunden, welches Wahrheitsansprüche ermöglichen muss: eben an die Sprache und Schrift. Nicht die Schrift oder die Sprache hat die Philosophie hervorgebracht, als wenn diese Medien Subjekte wären, sondern, die Philosophie kann sich nur im Medium der Schrift und Sprache manifestieren, weil die Philosophie Wahrheitsansprüche verfolgt, und diese sind nun mal an Propositionen gebunden. Ich würde Medienphilosophie daher so bestimmen: Medienphilosophie ist die Erforschung von Medien, mit dem Ziel allgemeingültige Erkenntnisse zu erlangen, deren Gültigkeit sich ausschließlich aus der Logik einer rationalen Argumentation ergibt. Das wesentliche an der Medienphilosophie ist eine negative Eigenschaft: Medienphilosophie ist wie Philosophie überhaupt keine empirische Einzelwissenschaft. Das heißt nicht, dass Philosophen keine empirischen Erkenntnisse als Argumente verwenden dürfen, sondern nur, dass die Begründung dieser empirischen Erkenntnisse nicht mehr eine philosophische Tätigkeit ist. Durch diese Konzentration auf die Argumentation ergibt sich sozusagen als Folge der Methode eine thematische Eingrenzung: Es gibt viele medienwissenschaftliche Fragen, die sich nicht argumentativ beantworten lassen und es gibt Fragen, die sich nicht empirisch beantworten lassen. Deshalb ist die Medienphilosophie ein notwendiger Bestandteil der Medienwissenschaft. Medienphilosophie ist die Medienwissenschaft, für die nicht empirisch beantwortbaren Fragen – und diese Fragen sind begrifflicher Art. Man kann auch sagen: Philosophie ist nicht Arbeit am Begriff, weil das Thema der Philosophie Begriffe sind, sondern weil die Philosophie eine nicht-empirische Wissenschaft ist, muss sie sich mit Begriffen befassen, denn darüber lässt sich in der Tat nicht-empirisch arbeiten.

Ich gebe Ihnen zwei typische Beispiele für dezidiert medienphilosophische Probleme: Nehmen wir die Frage „Sind Medien Werkzeuge?“ Diese Frage kann nicht empirisch beantwortet werden. Man kann dies nicht nachschauen, denn um nachschauen zu können, müssen sie wissen, was sie sich alles als Medium anschauen sollen – doch das können sie nur, wenn sie wissen, was ein Medium ist. Die Begriffe kommen automatisch in die Aufmerksamkeit – aber, wie dies Beispiel auch zeigt, nicht alle. Wenn man sagt, Philosophie ist Arbeit am Begriff, dann muss man eigentlich sagen, Philosophie ist argumentative Arbeit an bestimmten Begriffen, nämlich so genannten kategorialen Begriffe, das sind Begriffe, die – so hat es Adorno in seiner Vorlesung „Philosophische Terminologie“ dargestellt – die sich nicht empirisch definieren lassen, weil eine empirische Arbeit sie schon voraussetzt. „Medium“ ist genau so ein Begriff. Man kann nicht die Klasse aller Medien auf gemeinsame empirische Merkmale untersuchen, weil man nicht vor der Klärung des Begriffs weiß, welche Dinge und Vorgänge zu der Klasse gehören. Deshalb kann die Frage nach dem Medienbegriff nur philosophisch erörtert werden. Die gleiche Situation hat man bei der These, welche Sybille Krämer aufstellt: „Alles, was Menschen beim Wahrnehmen, kommunizieren und Erkennen ‚Gegeben’ ist, ist in Medien gegeben“ (83). Auch hier muss man schlicht fragen: Woher weiß man das denn? Worum ist diese Aussage richtig oder wahr? Warum soll man der These zustimmen? Ich halte diese These keineswegs für unanzweifelbar richtig. Auch hier kann keine empirische Beweisführung helfen, sondern eben nur eine logische Argumentation, welche in diesem Fall eben sogar eine transzendentale ist.

Es ist eigenwillig, aber in dem Band kommt kein expliziter Versuch vor, das besondere der Medienphilosophie durch einen logischen, apriorischen Methodenanspruch zu bestimmen, vielleicht sogar durch einen Wahrheitsanspruch zu bestimmen. Damit hat man aus meiner Sicht schon das eigentliche Potential der Philosophie verspielt. Ich möchte zum Abschluss, nachdem ich Ihnen dargestellt habe, was ich von der Medienphilosophie erwarte, auf die gegenwärtige Bedeutung und Aktualität von Medienphilosophie in drei Punkten eingehen.

1. Es dürfte schon deutlich sein:  Aus der von mir dargestellten Sicht ist das Fach Medienphilosophie überhaupt nicht abhängig von den Veränderungen innerhalb der Medienwelt. Platons Höhlengleichnis, Hegels Ästhetik, welche Kunst, Religion und Philosophie als drei Medien des Absoluten interpretiert, oder Husserls Bildtheorie sind für mich klassische Beispiele für nichts anderes als Medienphilosophie im besten Sinne des Wortes. Merleau-Pontys Wahrnehmungsphilosophie und Philosophie des Leibes als universelles Medium des menschlichen Zur-Welt-Seins – hier kann ich mich Barbara Becker anschließen – ist ein Musterbeispiel für Medienphilosophie. Diese Philosophien sind vollkommen unberührt von der modernen Medienwelt.

2. Wenn man dieses Verständnis mit akademischen Institutionen in Verbindung bringt, so glaube ich ferner, dass die Medienphilosophie selbstverständlich in einem Institut für Philosophie zu Hause ist. Philosophie wird eben in der Philosophie gemacht. Das schließt aber nicht aus, dass sie auch woanders gemacht wird, wenn sie dort nicht anders gemacht wird. Die Medienwissenschaft ist ein solcher Ort, welcher Medienphilosophie aufnehmen kann, weil der Begriff „Medienwissenschaft“ keine wissenschaftliche Disziplin bezeichnet, sondern ein Sammelbegriff für viele Disziplinen ist – deshalb sprechen wir in Jena auch immer von Medienwissenschaften.

3. Auf keinem Fall halte ich es für sinnvoll, Medienphilosophie mit irgendwelchen praktischen Erwartungen in Zusammenhang zu bringen. Ich sehe keine praktische Relevanz der Medienphilosophie für die Ereignisse in der Medienwelt. Medienphilosophie ist für die Medien so wichtig, wie Germanistik für den Dichter, Pragmatizismus für Unternehmer oder Ornithologie für Vögel. Das Konzept einer philosophischen Dienstleistung kann ich mir nicht vorstellen, weil ich nicht weiß, wer außer Philosophen von Philosophen einen Dienst erwiesen bekommen könnte, geschweige denn möchte. Ich schließe mit meinem Lieblingssatz: „Philosophie betreibt nur Philosophie“ und das gilt auch für die Medienphilosphie.

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