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erschienen in: medien & zeit, 3/2001 (Jg. 16), 71-72.

Bettina Brixa

Rezension

Subjektivität und Öffentlichkeit. Kulturwissenschaftliche Grundlagenprobleme virtueller Welten, hrsg. von Mike Sandbothe und Winfried Marotzki, Köln: Halem-Verlag 2000.

"I would rather be a cyborg than Bill Gates." Mit einer Anspielung auf den berühmt gewordenen Schluß des Manifesto for Cyborgs von Donna Haraway- "I would rather be a cyborg than a goddess" - endet einer der Artikel in diesem Band und deutet an, was charakteristisch für die Beiträge und ihre AutorInnen ist: eine intensive Beschäftigung mit den neuen Medien, nicht nur aus einer theoretischen philosophischen, soziologischen oder erziehungswissenschaftlichen Perspektive, sondern auch mit einer starken "ethnographischen" Komponente, was die Verwendung von einschlägiger Literatur oder das Einfließenlassen von eigenen Erfahrungen als BenutzerIn im Netz betrifft. Es geht nicht darum, die neuen wissenschaftlichen Domänen zu beherrschen, die nicht zuletzt durch den "internetinduzierten aktuellen Medienwandel" (S. 7) entstanden sind, der eine neue Herausforderung für die Human und Geisteswissenschaften darstellt, sondern um die "Ausbildung eines kulturwissenschaftlichen Fächernetzwerkes" (S. 7). Ziel einer solcherart entwickelten transdisziplinären Kooperation, die in vorliegendem Band beispielhaft präsentiert wird, ist der Einsatz von kulturwissenschaftlicher Grundlagenforschung zur "Analyse und Mitgestaltung der neuen Medienverhältnisse".

Der erste der drei Themenbereiche befaßt sich mit der medienphilosophischen Basis für eine Beschäftigung mit "Subjektivität" und "Öffentlichkeit" in Verbindung mit virtueller Realität. Hinter dem Titel "Kierkegaard on the Internet" etwa, der provokant, fast wie ein Oxymoron anmutet, verbirgt sich einer von mehreren Artikeln, die scharfsinnig und durchaus kontroversiell bestehende philosophische Diskurse aufgreifen und auf neue Medienwelten projizieren. Die Behandlung von Fragen wie denen der Pragmatisierung des Mediengebrauchs unter den Bedingungen der modernen Kommunikationstechnologien oder der Entstehung und Entwicklung des Begriffs der Virtualität, die bis zu Thomas von Aquin und Aristoteles zurückreicht, veranschaulicht, wie wesentlich eine philosophische und kulturwissenschaftliche Einbettung einer Theorie der neuen Medien ist.

In einem zweiten Teil wird "digitale Subjektivität" problematisiert -"digital" insofern, als durch das Internet geprägte Medienverhältnisse auf sie einwirken. Wenn im "klassischen Modell des Subjektes" drei Facetten zusammenspielen "die Ideen der Personalität, der Reflexivität und der Individualität" (S. 104) -, welche Relevanz haben diese für die Interaktion in einem virtuellen Raum, der auf den ersten Blick durch "konstitutionelle Anonymität" (S. 109) geprägt ist und der Fragen der Interaktivität und der Grenzen des Subjektes neu aufwirft? Der Blick wird auch auf die veränderten Bedingungen von Identitäten im Netz gerichtet. Die Metapher von der Prothese für Medien und (Informations-) Technologie, die schon auf McLuhan und weiter auf Edward T. Hall zurückgeht und durch die verstärkte Nutzung des Internet für die Erschaffung virtueller Lebens- und Beziehungswelten auch von heutigen TheoretikerInnen verwendet wird, bietet einen Anhaltspunkt, Subjekt und Subjektivität sowie deren Verhältnis zu (nicht nur internetspezifischen) Massenmedien auf verschiedene Weise zu beleuchten.

Der dritte Themenbereich mit dem Titel "Virtuelle Öffentlichkeiten" umfaßt Beiträge, die die virtuellen Gemeinschaften und Interaktionsformen, die im Netz entstehen, fokussieren und Intersubjektivität und Öffentlichkeit großteils von einer sehr praktischen Seite betrachten.

Das Spektrum reicht von der Diskussion und Problematisierung demokratischer und zivilgesellschaftlicher Chancen angesichts einer vernetzten Öffentlichkeit mit stark interaktiver und nicht-hierarchischer Struktur bis zur kurzen Präsentation ethnographischer Forschung, die die "Offline-Existenz" verläßt und die parallel dazu geführte "Online-Existenz" der Menschen, die sich in verschiedenen Formen von "Cyber-Cities" organisieren, untersucht. Beiträge über die emotionalen sowie die künstlerischen und populärkulturellen Aspekte der Internetnutzung eröffnen auf sehr plastische Art und Weise bisher wenig beachtete Bereiche.

Obwohl und gerade weil sich dieser Band selbst ein wenig wie ein Hypertext liest, da er nicht durch inhaltliche Geradlinigkeit und Durchkonstruiertheit, sondern durch komplexe Verbindungen und ein vielschichtiges Abstraktionsniveau besticht, kann das Vorhaben, eine "transdisziplinäre Kooperationsform" zur "Analyse und Mitgestaltung der neuen Medienverhältnisse" (S. 8) zu fördern, als gelungen und das Buch als empfehlenswert bezeichnet werden.

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