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erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.12.2000, S. N5

Christian Geyer

Rezension

Laßt Kugeln sprechen

Überschätzter Pragmatismus: Wie der "genuin" fragende Philosoph zum Revolverhelden wird

Daß es im diskursiven Rauschen "genuine" Fragen gebe, die sich als "echte Menschheitsfragen" von den "intellektualistisch überhöhten Pseudoproblemen der professionalisierten Philosophie" scheiden lassen - das ist ein alter anthropologischer Glaubenssatz, der sich durch den Rückgriff auf den Pragmatisten William James jetzt neu bestätigt sieht (Ludwig Nagl, "Reality is still in the making". Die Zukunftsorientiertheit des Jamesschen Pragmatismus, in: Die Renaissance des Pragmatismus, hrsg. von Mike Sanbothe, Velbrück Verlag, Weilerswist 2000).

Tatsächlich gab es im angelsächsischen Pragmatismus, dessen Renaissance wir laut Ludwig Nagl zur Zeit erleben, die Meinung, man könne - wenn man die Ohren nur hinreichend gespitzt hat - dem Leben seine eigentlichen Wunderstimmen ablauschen. Ein ausgenüchterter Kopf wie William James hat ebendies gesagt. Um den "abgestandenen Fragen der Intellektualisten" aus dem Weg zu gehen, fragt James zum Beispiel das folgende: "Welcher praktische Unterschied ergibt sich für uns daraus, daß der Weltlauf durch die Materie oder durch den Geist bestimmt wird?" Sobald für ihn feststeht, daß sich ein derartiger praktischer Unterschied ergibt, glaubt James, eine "wirkliche" (im Unterschied zu einer nur "ausgedachten") metaphysische Frage vor sich und diese gewissermaßen "modo pragmatico" rehabilitiert zu haben. Ein solches Verfahren ist freilich schon zu seiner Zeit als Zirkelschluß beargwöhnt worden, denn schließlich ist jede noch so abwegige Idiosynkrasie dazu angetan, verändernd ins Leben einzugreifen, ohne doch deshalb schon etwas über den Realitätsgehalt ihrer Voraussetzungen auszusagen.

"Modo pragmatico" verbleiben metaphysische Annahmen denn auch im Denkraum des Postulats. So ergeht es bei James auch Gott. Zwar könne sich dessen Begriff "an Wahrheit mit den mathematischen Begriffen, wie sie in der mechanistischen Philosophie geläufig sind", nicht messen. Nichtsdestoweniger habe er "ihnen den praktischen Vorzug voraus, daß er eine ideale Weltordnung gewährleistet". Denn, so James, "eine Welt, in der Gott das letzte Wort zu sprechen hat, kann wohl auch verbrennen oder erfrieren, aber wo Er ist, da ist die Tragödie nur vorübergehend und nie vollständig, da sind Schiffbruch und Vernichtung nicht die unbedingt letzten Dinge". Auf der Ebene dieser rein funktionalen Argumentation läßt sich freilich auch der Gebrauch von Drogen rechtfertigen, überhaupt jeder Reizstoff, der den schönen Illusionen förderlich ist. Gott als Opium - so wird ausgerechnet Feuerbachs Religionskritik zum apologetischen Argument.

Nur ein skrupelloser moralischer Wille kann die Grenze zwischen "wirklich" und "ausgedacht" derart dezisionistisch ziehen wollen - nach dem Motto: Laßt den Geist in Kugeln sprechen. Man fragt sich denn auch, worauf die Hoffnung auf eine "pragmatische Erneuerung" der Philosophie gründen soll. Nach Auskunft von Mike Sanbothe dient eine solche Erneuerung "der Rückbesinnung auf Grundpositionen der kontinentalphilosophischen Moderne" und zielt zugleich darauf, "das begriffliche Instrumentarium des modernen Denkens zu flexibilisieren und für die Zwecke eines wirklichkeitsnahen und handlungsbezogenen Philosophierens nutzbar zu machen". Aber was ist das für eine fadenscheinige Wirklichkeit, die hier im Dienste einer reibungslosen Praxis, einer funktionstüchtigen Handlungstheorie beschworen wird?

Gewiß: insoweit die Funktionslogik des Pragmatismus aufgeht, mag man "demokratietheoretisch gehaltvolle Alternativen zu Dekonstruktivismus und Postmodernismus" aufzeigen, wie Sanbothe schreibt. Niemand wird bestreiten, daß sich eine Renaissance des Pragmatismus als politische Theorie gut macht: Die Demokratie ist gegenüber Wahrheitsfragen neutral, wenngleich auch das nicht heißen kann, daß Politik grundsätzlich nicht wahrheitsfähig sei. Aber die Frage ist doch, wie weit der Pragmatismus als philosophische, nicht als politische Theorie trägt. Ist allein auf dem funktionslogischen Weg eine Erneuerung der Philosophie plausibel zu machen und emphatisch zu erwarten? Die Frage wird verschärft, wenn der Anspruch auftaucht, gleichsam mit der Wünschelrute die "genuinen" von den "abgestandenen" Fragen zu scheiden, die "echten" von den "überhöhten" Problemen - und im selben Atemzug zu meinen, anderen philosophischen Richtungen das Existenzrecht absprechen zu können.

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