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Wolfgang Ernst

Zum Verhältnis von Medientheorie und Medienphilosophie

"Téchne" war immer schon das gemeinsame Bezugswort von Philosophie und Wissenschaft. Bei Platon meint "téchne" das Erkennen schlechthin, steht also auf der Seite der Theorie: ein ursprüngliches Kennen der "physis". Der (altgriechische) Begriff der Theorie ist ein originär philosophischer; auch ein philosophischer Begriff des Mediums läßt sich von Aristoteles ("to metaxy") bis Hegel höchst materiell fassen (Luft, optische Gläser). Und Logik, von Parmenides glasklar entwickelt und mit Philosophen wie Georg Klaus in der Kybernetik gipfelnd, ist ein philosophischer Modus Operandi. Um aber Medien zu dem, was kulturtechnisch zur Bedingung des Machbaren und im Computer universal wurde, eskalieren zu lassen, bedurfte es einer Konvergenz ganz anderer Praktiken jenseits von Philosophie, von der Ingenieurskunst bis hin zur Quantenphysik. Das "close reading" dieser Konfigurationen bedarf einer praktisch-medienwissenschaftlichen und reflektierend-medientheoretischen Kompetenz, welche die Grenzen der Philosophie sprengt; umso dankbarer sind wir für Philosophinnen wie Sybille Krämer, welche Medienbegriffe aus ihrer Disziplin heraus theoretisch wie auch historisch (Leibniz' Kalkülisierung des Denkens) beschreibt. Eine gewisse philosophische Ferne der konkreten Materialität und Historizität von Medien gegenüber jedoch macht eine genuine Medientheorie notwendig. Schön, daß es aus wohldefinierten Disziplinen heraus Anschlüsse zum Denken der Medien gibt. Aber akademische Medienwissenschaft entstand gerade aus der Einsicht, daß es angesichts der aktuellen Wirkungsmächtigkeit einer Realität namens Medien einer eigenständigen disiziplinären Matrix bedarf, um diesen Gegenstand hinreichend zu fassen.

Aufgabe von Medientheorie ist es ferner, die Medialität von Theorien selbst zu benennen: ist dieser Begriff doch einem konkreten medienhistorischen Dispositiv (dem Theater) und der abendländischen Privilegierung der Sichtbarkeit (dem optischen Kanal von Datenübertragung) geschuldet. Ich bin mir mit Frank Hartmann einig, der im Interview betont, daß auch visuelles Design, DJ-ing oder Programmieren als eine Form philosophischer Reflexion zu achten sind. Digitale Medien selbst sind potentiell theoriefähig - auch in dem Sinne, daß sie ohne Theorie (rein als Maschinen) nie zustandegekommen wären.

Wenn Medien im Fach Philosophie bedacht werdern, ist dies zum Nutzen der Medienwissenschaft - solange die Begriffe "Medien" und "Philosophie" nicht hybrid konvergieren, sondern in ihrer gegenseitigen Beobachterdifferenz produktiv bleiben. "Medienphilosophie" hingegen ist eine Subdisziplin der Medienwissenschaft, wie auch Medienanthropologie, -soziologie, -archäologie. Hier mögen dann diejenigen Denker zum Zug kommen, die Medien etwa dezidiert von der phänomenologischen Seite aus analysieren - im Unterschied zu denjenigen Medienwissenschaftlern, die sich den Mühen unterziehen, auch mathematische Operationen des Programmierens zu betreiben oder die elektrotechnischen Details von Chip-Architekturen zu analysieren (denn erst auf dieser Ebene gibt es Medien als epistemische Dinge).

Medientheorie ist der akademische Ort expliziter Reflexion dessen, was als implizites Medienwissen täglich Praxis ist. Sie sucht symptomatologisch jene Fragen zu formulieren, auf welche real existierende Medien längst eine technische Antwort sind. Aufgabe von Medientheorie ist es, einerseits zu erforschen und (streng mit Hegel) auf den Begriff zu bringen, wo die entscheidenden Fragen an Medien(praktiken) liegen, und darüber hinaus zu helfen, diese Fragen maßgeblich zu machen - als Modus der Wahrnehmung, der Schau, der "theoria" (der medienarchäologische Blick).

Wenn Medien auf den Begriff gebracht werden, ist dies nicht nur philosophisch, sondern auch im Sinne von Hardware gemeint - und sei es durch Löten von Schaltungen, denn erst hier wird philosophische Logik operativ.

Frank Hartmann beschreibt die deutsche medienphilosophische Debatte als eine, für welche "Medium" eine Substantivierung bedeutet, die es anderswo so nicht gibt - "eine Sprachfalle gewissermaßen, in die gerade die Philosophen gern hineintappen". Tatsächlich gibt es ja Medien nicht nur als syllogistisches Vehikel, sondern als apparativen Gegenstand. Diese Materialität immer mitzudenken mag ein Zug dessen sein, was aus amerikanischer Sicht gerne "Germanic media theory" genannt wird.

Wie weitreichend ist diese Medientheorie? Ihre Aufgabe liegt nicht in autoritativer Diskurskontrolle von Medienbegriffen, sondern im Angebot von "Definitionen" (und das meint buchstäblich: Grenzen von Medienbegriffen zu testen). Es gilt also Medien von Nicht-Medien unterscheidbar zu halten. Medien meinen sowohl physische wie logische Artefakte, doch damit gerinnt nicht schon jede Form der Wirklichkeitserzeugung zu einer medialen Performanz. Medientheorie ist der Ort, Definitionen des Mediums und der Medialität, konkret: die drei kulturgenealogischen Wellen von Symbolerfindung, ihrer mechanischen Reproduzierbarkeit und ihrer mathematisch augmentierten universalen Berechenbarkeit in historischer und theoretischer Breite zu reflektieren. Dies nicht, um in Angleichung an die Objekte selbst technoid zu werden und Medientheorie ausschließlich auf Apparate und Signalübertragung zu reduzieren, sondern um die Analyse medialer Übertragungsprozesse - was der Begriff schon nahelegt - um die Dimension einer kulturellen Metaphorologie zu erweitern. Genau in der Kombination von akademischen Reflexion mit technologischer Kompetenz liegt die kritische Chance der Medientheorie, sich wohldefiniert gegenüber einem inflationären, außer Rand und Band geratenen Medienbegriff zu profilieren. Dabei ist die konkrete Archäologie der Medien der Lackmustest für alle Medientheorie - während Medienphilosophie in dieser Hinsicht gelegentlich nachlässig, ja unscharf ist.

Medientheorien (sowohl auf die "alten" analogen als auch die "neuen", digitalen Medien bezogen) suchen nach Orten, Momenten, Ereignissen der Konvergenz von Theorie und Medienpraxis - und nach der Medialität von Theorien schlechthin. Historische Medientheorien sind dabei Funktionen einer jeweiligen medienkulturellen Kompetenz. Immanuel Kant, dessen 200. Todesjahr wir nun bedenken, beschreibt - avant la lettre - das Prinzip der Turing-Maschine in seiner Schrift "Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis"; hier verheißt er gleich zu Beginn: "Man nennt einen Inbegriff selbst von praktischen Regeln aldann Theorie, wenn diese Regeln als Prinzipien in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden, und dabei von einer Menge Bedingungen abstrahiert wird, die doch auf ihre Ausübung notwendig Einfluß haben." Tatsächlich ist damit das Verhältnis von Hard- zu Software definiert. Medienbegriffe erschöpfen sich eben nicht in ihrer diskursiven Reflexion (das Reich der Philosophie), sondern sind erst im Moment ihrer technischen Implementierung welterzeugend. Dies ist das mediale Moment von Theorie: von Theorie-Maschinen, wie es der Computer in Hinsicht auf die universale Turing-Maschine von 1936 ist, die als mathematische Stellungnahme auf Papier entstand.

Wo die Mathematisierung der Maschine (frühe Rechenmaschinen) mit der Mechanisierung der Mathematik konvergiert (George Booles "Forms of Thought" etwa, bis hin zu Hilberts Metamathematik), wird die Maschine theoretisch und die Theorie maschinal. Ihre Welthaftigkeit liegt in der physikalischen Implementierung. "The abstract idea of a machine, e. g., an adding machine, is a specification for how a physical object ought to work" (Marvin Minsky). Hier kommt Leibniz ins Spiel, der das Kalkül nicht nur dachte, sondern auch als Bauanleitung realisierte - ein Moment, wo aus philosophischer Spekulation Medientheorie wird.

Brilliante Denker wie Mike Sandbothe bieten das, was ausdrücklich unter dem Namen Medienphilosophie firmiert. Doch die "experimentelle Medienepistemologie", die er verlockend in Aussicht stellt, gründet sich bei ihm pragmatistisch eher im alltäglichen common sense denn in einem close reading der dies steuernden Technologien. So beeindrucken Analysen zur "Medienzeit", die etwa an Ilya Prigogines Werk anknüpfen. Zur präzisen Analyse zeitkritischer Operationen elektronischer Medien aber arbeiten sich diese Analysen nicht vor, sondern verbleiben im medienphilosophischen Diskurs. Medienphilosophische Fokussierungen einer Phänomenologie des Internet reichen bei aller Inspiration nicht wirklich zu einer Kulturtheorie digitaler Medien oder gar einer Medientheorie, solange sie sich ausdrücklich gegen "strenge Definitionen des Medienbegriffs" (Sandbothe) wenden. Charakteristisch ist der Katalog seiner Adjektive, die seine Untersuchung über "Globalität als Lebensform" kennzeichnen: ethische, moralische, politische, rechtliche Aufgaben des Internet - aber keine kommunikationstechnischen. Sandbothe ist dort stark, wo er eine "pragmatische Kulturwissenschaft" unter Berücksichtigung der Medien betreibt - aber das ist eben keine genuine Medien-, sondern Kulturwissenschaft. Ein "Beobachter dritter Ordnung" (Pragmatische Medienphilosophie) ist doch etwas weit entfernt von einer praktizierten Medienwissenschaft. An dieser Stelle ist Medientheorie unerbittlich. Auch Frank Hartmann, interviewt von Geert Lovink, bleibt hier liberal: "Statt einer präzisen Definition des Medienbegriffs stelle ich mir lieber ein Gemenge aus soziologischen, philosophischen und semiotischen Fragestellungen vor, die mit den Problemen unserer technisch fortgeschrittenen Kultur zu tun haben." Medienwissenschaft aber ist eine wohldefinierte Disziplin und bedarf daher eines theorisch fundierten Medienbegriffs (gerne auch im Plural) ebenso, wie es etwa auch Literatur- und Geschichtswissenschaft, aber auch Physik und Informatik für sich beanspruchen.

Interessant ist die intellektuelle Genese von Norbert Bolz; seine selbst deklarierte Konversion vom profund gebildeten Philosophen zum Medientheoretiker lief über die Lektüren Walter Benjamins. So setzt seine Medienwissenschaft am blinden Fleck der Kritischen Theorie um Horkheimer / Adorno an. Die Stärken von Medienphilosophen (etwa auch Marc Ries) liegen ganz sicher darin, medienkulturelle Fragen an konkreten ästhetischen Objekten durchzuspielen, doch ringen sie sich dabei zumeist weder zu einer wohldefinierten Kommunikations- noch zu einer Medientheorie durch. Kultur und Medientechniken werden hier zwar als unvordenkliche Kopplung durchdekliniert, ohne die Transparenz präziser kulturtechnischen Analysen zu erringen. In einer Medienkultur unter hochtechnischen Bedingungen aber langt es nicht mehr hin, nur Text-Bild-Verhältnisse zu untersuchen, wenn dazwischen längst die Operativität von Zahlen steht. Da Medien nicht nur Funktionen von Diskursen sind, sondern ein komplexes "fundamentum in re" in Hardware und Apparaturen haben, darf auch die technische Kompetenz nicht zu kurz kommen.

Wenn der Blick auf das Internet zur Theorie sozio-medialer Räume wird, ist auch dieser Typus von Analyse eher phänomenologisch denn kommunikationstechnisch, eher medienphilosophisch denn medientheoretisch informiert. "Überlegungen zu einer Phänomenologie medialer Lebenswelten" (Marc Ries) resultieren in Medienphilosophie, nicht -theorie. Beide Ansätze - der philosophische und ästhetische einerseits, der technische und medienarchäologische andererseits - sind, arbeitsteilig, aufeinander angewiesen.

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