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erschienen in: Mythos Internet, hrsg. von Stefan Münker und Alexander Roesler, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997, S. 56-82.

Mike Sandbothe

Interaktivität - Hypertextualität - Transversalität

Eine medienphilosophische Analyse des Internet

Einleitung

Medien prägen unser Bild von der Wirklichkeit. Das gilt für die Medien im weiten, im engen und im engsten Sinn. Unter Medien im weiten Sinn verstehe ich die Anschauungsformen von Raum und Zeit. Sie fungieren als grundlegende Medien unseres Wahrnehmens und Erkennens, indem sie Gegenstände als identische Entitäten synthetisierbar machen. Diese Einsicht liegt der "kopernikanischen Wende" zugrunde, mit der Kant der modernen Philosophie das Fundament bereitet hat. Die nachkantische Philosophie hat von Nietzsche und Hegel über Heidegger, Dewey und den späten Wittgenstein bis Derrida, Goodman und Rorty vor Augen geführt, daß die Stärke dieses Fundaments in seiner Beweglichkeit, Offenheit und Veränderlichkeit liegt. Bei unseren raum-zeitlichen "Weisen der Welterzeugung"1 handelt es sich nicht um starre, uniforme und ahistorische Apparaturen. Die Medien menschlicher Wirklichkeitskonstruktion sind vielmehr geprägt durch bildliche, sprachliche und schriftliche Zeichensysteme, die historisch kontingent sind und kulturell divergieren.

Bild, Sprache und Schrift sind gemeint, wenn ich von Medien im engen Sinn rede. Sie haben im zwanzigsten Jahrhundert im Zentrum vieler philosophischer Diskussionen gestanden. Immer ging es dabei darum, eines oder mehrere dieser Medien als verbindliche Grundstruktur menschlichen Wirklichkeitsverständnisses überhaupt oder zumindest als Fundament des für die westliche Kultur charakteristischen Weltbildes auszuweisen. Das Spektrum reicht vom "linguistic turn" der analytischen Philosophie2 über diverse Mißverständnisse, die Derridas frühes Konzept einer philosophischen "Grammatologie"3 im Umfeld postmodernen Denkens ausgelöst hat, bis zu zeitgenössischen Verkündigungen eines "pictorial turn".4

Gegenwärtig wird unübersehbar, daß weder die Medien im weiten noch die Medien im engen Sinn fixe, unveränderliche Strukturen darstellen, die einen festen Halt für die philosophische Theorie bieten. Unser Umgang mit ihnen hängt vielmehr auch von institutionellen und technologischen Entwicklungen ab, die sich im Bereich der Medien im engsten Sinn vollziehen. Das gilt bereits für den Einfluß, den die Printmedien, das Radio und vor allem das Fernsehen auf unser Verständnis von Raum und Zeit sowie auf unseren Gebrauch von Bildern, Lauten und Buchstaben erlangt haben.5 Unübersehbar werden die Verflechtungsverhältnisse, die zwischen den Medien im weiten, im engen und im engsten Sinn bestehen, durch die neue Bedeutung, die interaktiven Datennetzwerken wie dem Internet für unsere Wahrnehmung und unsere semiotische Praxis zukommt. Raum, Zeit und Identität werden im Internet neu dekliniert. Die bisher als selbstverständlich geltenden Grenzziehungen zwischen Bild, Sprache und Schrift geraten auf tiefgreifende Weise in Bewegung. Mit den interaktiven Datennetzwerken wird die digitale Revolution zur treibenden Kraft einer umfassenden Transformation, welche die Praktiken unseres symbolischen Handelns und damit die Grundlagen unseres Wirklicheitsverständnisses neu definiert. Diesem Transformationsprozeß, dessen Veränderungsdynamik kaum überschätzt werden kann, gehe ich in den folgenden überlegungen in drei Schritten nach.

Im ersten Teil arbeite ich den Einfluß des Internet auf unsere Raum- und Zeiterfahrung sowie auf unser Konzept personaler Identität heraus. Das geschieht zum einen am Beispiel von textorientierten Internetdiensten (IRC, MUDs, MOOs), zum anderen anhand der graphischen Anwenderoberfläche des World Wide Web (WWW). Im Zentrum steht dabei die für das Internet charakteristische Verfassung der Interaktivität. Im zweiten Teil zeige ich, wie insbesondere das World Wide Web die bisher üblichen semiotischen Grenzziehungen in Bewegung bringt. Zu diesem Zweck resümiere ich zunächst die Art und Weise, wie Bild, Sprache und Schrift in der philosophischen Tradition zueinander ins Verhältnis gesetzt wurden. Auf diesem Hintergrund wird dann die multimediale Hypertextualität freigelegt, die für das World Wide Web charakteristisch ist. Im dritten und letzten Teil interpretiere ich die interaktiven Hypertextstrukturen des World Wide Web als mediale Realisierungsform eines zeitgemäßen Vernunfttyps. Dies geschieht auf der Basis des von Wolfgang Welsch exponierten philosophischen Konzepts der Transversalität.

Teil 1: Interaktivität

Bevor ich mit der Analyse der kulturellen Praktiken beginne, die im Internet entstanden sind, gebe ich einen kurzen überblick über den aktuellen Entwicklungsstand des Internet. Dabei werden zugleich terminologische Grundfragen geklärt.

Terminologisches und Statistisches

Einen umfassenden überblick über das komplexe Gefüge unterschiedlicher Datennetzwerke, das seit Gründung des amerikanischen ARPAnet Ende der sechziger Jahre weltweit entstanden ist, gibt John S. Quarterman in seinem Standardwerk The Matrix.6 Quarterman weist im Preface darauf hin, daß "paper is not the most natural medium for discussions of electronic media."7 Ein Buch, dessen Gegenstand einer derartigen Veränderungsdynamik unterliegt, veraltet schnell. Die besten Beschreibungen, Statistiken und Entwicklungsanalysen zum Thema finden sich daher auf dem Netz selbst.8 Sie werden - ihrem Gegenstand entsprechend - ständig aktualisiert, reorganisiert und dem neuesten Entwicklungsstand angepaßt. So ist es möglich, die Selbstorganisation des Netzes mit Hilfe des Netzes auf der deskriptiven Ebene mitzuvollziehen.

Die neuesten Untersuchungen, die Quarterman online publiziert hat, unterscheiden das "Core Internet", das "Consumer Internet" und die "Matrix". Unter "Matrix" versteht Quarterman die umfassende, weltweite Netzstruktur. Eine Untermenge der in der Matrix verbundenen Computer und Computernutzer stellt das Consumer Internet dar. Das Core Internet wiederum repräsentiert eine ausgezeichnete Teilmenge des Consumer Internet.

Das Core-Internet hatte im Oktober 1995 ca. 16.9 Millionen Nutzer und bestand aus 7.7 Millionen sogenannten "Server"-Computern.9 Ein Server bietet auf der Basis des interaktiven Internetprotokollsystems TCP/IP (Transmission Controll Protocol/Internet Protocol) Informationen und Dienste wie das World Wide Web und FTP (File Transfer Program) an. Das Consumer-Internet setzt sich aus den Server-Computern des Core Internet und den sogenannten "Client"-Computern zusammen. Ein Client ist ein Computer, der nicht selbst Informationen und Dienste anbieten kann, sondern die Dienste nutzt, die auf den Servern des Core Internet zur Verfügung gestellt werden. Das Consumer Internet hatte im Oktober 1995 ca. 26.4 Millionen Nutzer und bestand aus 10.1 Millionen Computern. Im Unterschied zu Core- und Consumer-Internet umfaßt die Matrix nicht nur Netzwerke mit interaktiven TCP/IP-Diensten, sondern auch einfache E-mail-Netzwerke, die keine interaktiven Dienste zur Verfügung stellen. Die Matrix bestand Ende Oktober 1995 aus ca. 39 Millionen Nutzern. Zusammenfassend resümiert Quarterman: "Of these three definitions, the one of the Consumer Internet is the closest to what most people think of as the Internet these days, so it is reasonable to say there are 26.4 million Internet users as of October 1995."10

Die Wachstumsraten des Consumer Internet sind exponentiell. Die Zahl der Nutzer hat sich in den letzten Jahren in jedem Jahr verdoppelt. Bei gleichbleibender Entwicklung wird das Internet bald ein ebenso weit verbreitetes und alltäglich genutztes Medium wie das Fernsehen oder das Telefon sein. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Quartermans Ergebnisse bezüglich der statistischen Geschlechterverteilung auf dem Netz. Frühere Schätzungen besagten, daß das Geschlechterverhältnis auf dem Netz 9:1 zugunsten der Männer betrage. Quartermans Studien zeigen demgegenüber, daß die männliche Dominanz bereits im Oktober 1994 nur bei 2:1 lag.11 Das bedeutet: Das Internet ist längst kein esoterisches Insidermedium einiger männlicher Computernerds mehr. Es ist vielmehr ein neues, individualisiertes Massenmedium, das über die Geschlechtergrenzen hinweg weltweit genutzt wird. 12

Die folgende kleine Phänomenologie der kulturellen Praktiken, die durch das Netz ermöglicht werden, orientiert sich an der interaktiven Struktur des Consumer Internet. Wenn im folgenden vom 'Internet' oder dem 'Netz' die Rede ist, ist das Consumer Internet im Sinne Quartermans gemeint. Im Zentrum des Consumer Internet steht heute die graphische Anwenderoberfläche des World Wide Web.13 Sie wurde 1989 von den Physikern Tim Berners-Lee und Robert Cailliau am europäischen Laboratorium für Teilchenphysik CERN entwickelt. Die ersten PC-Versionen von WWW-Browsern, mit denen man die graphische Anwenderoberfläche des World Wide Web bedient, wurden 1993 vom National Center for Supercomputing Application (NCSA) unter dem Namen Mosaic vorgestellt. Der gegenwärtig am meisten verbreitete WWW-Browser Netscape wurde 1994 entwickelt. Erst diese benutzerfreundlichen Browseroberflächen haben zu dem weltweiten 'Bit Bang' geführt, den wir gegenwärtig erleben. Sie sind die 'killer applications', die das World Wide Web zu einem Massenphänomen gemacht haben, dessen Extension sich im Jahr 1995 alle 53 Tage verdoppelte. Damit hat die Internetentwicklung Dimensionen angenommen, die sich nur noch mit biologischem Wachstum vergleichen lassen.14

Raum, Zeit und Identität im Internet

Das Netz erschließt uns eine neue Welt - und zwar mehr noch und anders als das Auto oder das Flugzeug. Wenn wir von Berlin nach San Francisco fliegen, kommen wir zwar auch in einer anderen Welt an, in der zum Teil andere Gesetze herrschen. Aber die Grundkoordinaten unseres Wirklichkeitsverständnisses - Raum, Zeit, Identität - bleiben unverändert. Wenn wir das 'reale' Leben verlassen und uns ins Netz begegeben, ist das anders. Die Welt wird 'virtuell'. Die Verfassung der Wirklichkeit wird eine andere. An die Stelle des 'real life' tritt die 'virtual reality'.

Bei den Begriffen 'real' und 'virtuell' handelt es sich, ähnlich wie bei der Oppositon natürlich/künstlich, um Reflexionsbegriffe.15 Als 'real' bzw. 'virtuell' erscheint etwas immer nur aus einer bestimmten Perspektive. Berücksichtigt man diese Beobachterrelativität, überrascht es nicht, daß vielen professionellen Netsurfern die Onlinewelt bereits als realer erscheint als die `reale` Welt außerhalb des Netzes. Demgemäß verbinde ich mit der Opposition real/virtuell keinerlei normative Implikationen. Ich benutze sie nur, um unterschiedliche Formen der Wirklichkeitskonstruktion auf der deskriptiven Ebene voneinander zu unterscheiden.

Wie wirkt sich die virtuelle Wirklichkeit des Cyberspace16 auf unser Konzept von Identität aus? Zunächst scheinbar überhaupt nicht. Denn auch im Netz bin ich im Regelfall mit meiner alltäglichen Identität als Wissenschaftler Mike Sandbothe unterwegs. Ich besorge mir bibliographische Angaben aus der Library of Congress in Washington, leiste Diskussionsbeiträge zu den philosophischen Mailinglisten, die ich subskribiert habe, oder konferiere per E-mail mit Kollegen in aller Welt. Zugleich aber habe ich im Netz die Möglichkeit, mich in die anonymen Channels des IRC oder in die Phantasie-Environments eines MUD oder MOO zu begeben.17

IRC ist die Abkürzung für Internet Relay Chat. Dabei handelt es sich um eine komplexe Diskussionslandschaft, die aus einer Vielzahl unterschiedlicher Gesprächsforen - den Channels - besteht. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt online, um sich unter selbst gewählten Decknamen schriftlich und gleichwohl synchron miteinander zu unterhalten und die neuesten Informationen zu diversen Themen auszutauschen. Die Themenfelder reichen vom alltäglichen Netzklatsch und virtuellen Flirt über Diskussionen zu technischen Fragen, die Hard- und Software betreffen, bis zu mehr oder weniger wissenschafltichen Gesprächen über Literatur, Politik, Philosophie, Physik, Medizin und andere Themenfelder.18

MUD ist die Abkürzung für Multi User Dungeon (wörtlich übersetzt: Viel-Nutzer-Kerker). Dabei handelt es sich um virtuelle 'Spielhöllen'. Eine Vielzahl von unterschiedlichen Teilnehmern loggt sich gleichzeitig in eine fiktionale textbasierte Spiellandschaft ein, um im Kampf mit anderen Teilnehmern und programmierten Robots sogenannte 'Erfahrungspunkte' zu sammeln und in der Hierarchie des jeweiligen Spiels zum 'Wizard' oder 'God' aufzusteigen. Zauberer und Götter haben die Macht, die Spiellandschaft zu verändern und die Problemstellungen zu programmieren, welche die anderen Teilnehmer lösen müssen.19

MOO steht für Multi User Dungeon Object Oriented (zu deutsch: objektorientierter Viel-Nutzer-Kerker). Hierbei handelt es sich im Unterschied zu den streng hierarchisch organisierten und zum Teil recht gewalttätigen Abenteuer-MUDs um Spiele, in deren Zentrum Kooperation, Solidarität, Bildung und Wissenschaft stehen. Jeder Teilnehmer erhält von Anfang an Programmierrechte, d.h. er kann Räume und Objekte kreieren und die Spiellandschaft selbstständig mitgestalten. In den USA werden MOOs bereits seit einigen Jahren als interaktive Lernumgebungen genutzt, in denen Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler gemeinsam mit dem neuen Medium Internet spielerisch Erfahrungen sammeln können.20

Im IRC, in den MUDs und MOOs kann ich mich als eine je nach Kontext erfundene X- oder Y-Identität präsentieren. Natürlich könnte ich das "in real life" - oder wie es im Internetjargon abgekürzt heißt: IRL - auch in irgendeiner Kneipe tun. Aber da stoße ich durch mein Aussehen, mein Geschlecht, meine physische und meine soziale Identität schnell an Grenzen. Das ist im Netz nicht der Fall. Im Netz ist das alltägliche Konzept der Identität außer Kraft gesetzt. Interessant ist dabei, daß es fließende übergänge zwischen der normalen Netzwelt des Wissenschaftleralltags und den erfundenen MUD-, MOO- und IRC-Identitäten gibt. So ermöglicht beispielsweise der `whois`-Befehl im IRC, Beziehungen herzustellen zwischen den verschiedenen Decknamen eines Nutzers, der sich u.U. gleichzeitig in mehreren Channels aufhält, seiner E-mail-Adresse und seiner User- und Host-ID. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die meisten Netzfreaks mehrere email-Adressen und User-bzw. Host-IDs benutzen. Auch die vermeintlich `realen` User- und Host-Identitäten können also de facto virtuell sein, d.h. von der IRL-Identität und dem IRL-Aufenthaltsort des Nutzers abweichen.

Viele MUDs und MOOs basieren auf dem permanenten Spiel mit realen und virtuellen Identitäten. So sind beispielsweise im MediaMOO des Massachusetts Institute of Technology (MIT) enge Verflechtungen und häufige übergänge zwischen den privaten, den wissenschaftlichen und den fiktionalen Identitäten der Teilnehmer die Regel. Das MediaMOO ist ein textbasiertes Kommunikations- und Forschungsenvironment für Medienwissenschaftler. Es wurde Ende 1992 von Amy Bruckman, einer Doktorandin des MIT-MediaLab, gegründet und ist seit Anfang 1993 der Internetöffentlichkeit zugänglich. Im Dezember 1994 hatte MediaMOO bereits 1100 aktive Mitglieder aus 29 Ländern.21 Anfang 1996 ist auf den Computern des MIT eine didaktisch konzipierte und pädagogisch begleitete virtuelle Schullandschaft - das MOOSE Crossing - für 800-1000 Kinder im Alter von 10-12 Jahren eröffnet worden. Auch dieses Projekt wird von Amy Bruckman geleitet. Auf den Titelseiten ihrer Publikationen gibt die junge Internetforscherin neben ihrem IRL-Namen die E-mail-Adressen der fiktiven Identitäten an, unter denen sie an verschiedenen Orten des Netzes bekannt ist und für ihre Forschungen recherchiert und Interviews durchgeführt hat. Dadurch macht sie klar, wie eng die unterschiedlichen Identitäten miteinander verflochten sind und wie sich gerade dieses Geflecht von Identitäten für die wissenschaftliche Forschung nutzen läßt.

Aber nicht nur das traditionelle Konzept der personalen Identität, sondern auch die diesem Konzept zugrunde liegende alltägliche Raumerfahrung wird durch die virtuelle Netzwelt transformiert.22 Als Cursoridentität bewege ich mich ganz unabhängig von der realen Welt und ihren geographischen Distanzen. Ich bewege mich im digitalen Raum des Netzwerkes und beame mich von Kontinent zu Kontinent, ohne daß die realen Entfernungen irgendeine Rolle spielen. Insofern befinde ich mich auch dann, wenn ich mit meiner normalen Wissenschaftleridentität im Netz unterwegs bin, im Modus der Virtualität. Alles ist jetzt und hier anwesend.

Bei den Spiel- und Lernlandschaften der MUDs und MOOs kommt darüber hinaus eine spezifische, 'narrative' Eigenräumlichkeit mit ins Spiel. In den virtuellen Umgebungen textbasierter Kommunikationswelten habe ich die Möglichkeit, die erzählerische Beschreibung des virtuellen Raumes, in dem ich mich und in dem sich die anderen Teilnehmer bewegen, selbst zu erfinden und zu programmieren. Der Raum erscheint so nicht länger als eine vorgegebene Entität, innerhalb derer ich mich nur passiv bewege und auf die ich keinerlei aktiven Einfluß nehmen kann. Er wird vielmehr zu einem bewußt konstruierten und ästhetisch inszenierten Artefakt. In den MUDs und MOOs vollzieht sich gleichsam eine Theatralisierung des Raumes. Jeder Teilnehmer, der Programmierrechte hat und diese auch ausübt, wird zum Architekten und Dramaturgen eines virtuellen Theaters, auf dessen elektronischen Bühnen die räumliche Grundstruktur unserer Wahrnehmungen selbst zum Gegenstand der Inszenierung werden kann.

Auch unsere Zeiterfahrung erfährt im Internet eine charakteristische Transformation. Auf dem IRC, in den MUDs und MOOs gibt es keine Nacht. Es ist immer Tag. Es sind immer irgendwo auf der Welt Menschen wach, welche die zahllosen Treffpunkte des Netzes bevölkern. Der Bildschirm kennt nur das Leuchten. Die virtuelle Welt ist unabhängig vom Sonnenlicht. Es gibt keine einheitliche, irgendwie natürliche Zeit, welche die Kommunikationspartner wie selbstverständlich voraussetzen könnten. Sie müssen sich vielmehr umständlich über ihre jeweilige lokale Eigenzeit verständigen und die Differenzen abgleichen, wenn sie sich im Netz verabreden wollen. Die Zeithorizonte sind in ständiger Bewegung. Damit hängt zusammen, daß wir online sehr schnell das Gefühl für die chronologische Zeit unserer Uhren und Kalender verlieren. Es gibt eine Art Zeitsog des Internet - ähnlich wie beim Fernsehen. Kehrt man von einer Online-Sitzung ins real life zurück, ist man immer überrascht, daß erheblich mehr Zeit vergangen ist, als man eigentlich gedacht hätte. ähnlich wie die Raumerfahrung wird also auch die Zeiterfahrung im Internet virtualisiert, beschleunigt, dekontextualisiert.

Aber wie beim Raum führt auch bei der Zeit die Virtualisierung nicht zu einem Verschwinden, sondern zu einer Transformation unserer Wahrnehmungsformen. Es gibt in den imaginären Welten der MUDs und MOOs nicht nur die Möglichkeit, Räume ästhetisch zu gestalten, sondern mit den Räumen, in denen sich die Spieler bewegen, werden auch die Zeiten, in denen die jeweiligen Erzählungen spielen, von den Teilnehmern selbst inszeniert. Das bedeutet: Anders als beim Fernsehen oder bei Computerspielen, die für stand-alone-Geräte konzipiert wurden, werden die Bewohner der kommunikativen MUD- und MOO-Welten des Internet nicht in vorgegebene Raum- und Zeitsimulationen hineingezwungen, sondern erfahren Raum und Zeit als kreativ gestaltbare Konstrukte ihrer narrativen und kooperativen Imagination. Der virtuellen Eigenräumlichkeit der MUDs und MOOs korrespondiert deren spezifische Eigenzeitlichkeit.

Interaktivität im Modus der Appräsenz

Während ich bisher auf Veränderungen eingegangen bin, die nicht primär für das World Wide Web, sondern für die textorientierten Internetdienste wie IRC, MUDs und MOOs relevant sind, konzentriere ich mich nun auf die Spezifika des World Wide Web. Dazu ist es hilfreich, die Medienstruktur des Internet mit der Struktur derjenigen Medien zu vergleichen, die unseren Alltag bisher wesentlich geprägt haben: mit dem Fernsehen und dem Telefon. Während das Fernsehen von seiner Kommunikationsstruktur her als Einbahnstraße zu beschreiben ist - die Informationen bewegen sich unidirektional ausschließlich von der programmächtigen Institution der Sendeanstalt zum passiven Fernsehkonsumenten - , ist das Internet ein interaktives und multidirektionales Medium. Jeder Empfänger ist selbst ein potentieller Sender. Das gilt bereits für textorientierte Dienste wir IRC, MUDs und MOOs. Die Spezifität des World Wide Web besteht darin, daß die einfache Interaktivität dieser Systeme durch die graphische Anwenderoberfläche des World Wide Web multimedial ausgestaltet wird.

Jeder, der einen PC, einen Internetanschluß, die entsprechende Software und zusätzlich vielleicht noch Zugang zu einer Videokamera, einem Fotoapparat und einem Scanner hat, kann im World Wide Web seine eigenen multimedialen Webseiten designen, sein eigenes Programmangebot gestalten. Dabei besteht selbstverständlich die Möglichkeit, für die unterschiedlichen realen und virtuellen Rollen, die man innerhalb und außerhalb des Netzes spielt, jeweils eigene Pages zu entwerfen. Diese lassen sich durch Hyperlinks miteinander verflechten. Ebenso können Vernetzungen mit den Webseiten befreundeter Cybernauten und mit jedem anderen Datenangebot, das sich auf dem Netz findet, hergestellt werden.

Der flexible übergang von der Empfänger- in die Senderposition und die individuelle Programmgestaltung sind uns aus der Struktur alltäglicher Gesprächssituationen bekannt. Das Telefon, das diese Situationen über räumliche Distanzen hinweg reproduziert, ist in diesem Sinn bereits eine interaktive Technologie. Beim Telefonieren können wir unsere Kommunikationspartner selbst bestimmen und durch unsere Gesprächsbeiträge aktiven Einfluß auf das 'Programm' nehmen. Aber mit Ausnahme von Telefonkonferenzen ist die Kommunikationsstruktur des Telefons im Verhältnis zur multidirektionalen Kommunikationsstruktur des Internet begrenzt. Außerdem erlaubt das an die menschliche Stimme gebundene, auditive Medium Telefon - sieht man einmal vom Anrufbeantworter ab - keine von der eigenen Präsenz unabhängige Selbstdarstellung. Genau dies wird durch das World Wide Web ermöglicht.

Meine Webpage ist eine Doublette meiner selbst, in manchen Fällen sogar die kreative Erfindung eines neuen Selbst, einer neuen Identität, die ich bisher vor mir und anderen verborgen hatte und die nun in meiner Abwesenheit mit anderen Menschen medial interagiert. Die medienstrukturelle Besonderheit des World Wide Web liegt nicht zuletzt in dieser gegenüber der face-to-face-Kommunikation und dem Telefon neuartigen Dimension einer gleichsam appräsenten, von meiner realen Anwesenheit unabhängigen Interaktivität. Unsere Identität wird dadurch bereits im Ansatz pluralisiert. Die Bilder, die wir uns von uns selbst und die sich andere von uns machen, erhalten so medial explizit und bewußt, was sie implizit und unbewußt auch IRL schon haben: ein von unserer Präsenz unabhängiges Eigenleben.23 Diese appräsenten Identitäten stehen in engen Verflechtungsverhältnissen zu anderen realen und virtuellen Netzidentitäten, unter denen wir in unterschiedlichen Netzkontexten agieren. Unsere Netzpersönlichkeit setzt sich aus einem Geflecht unterschiedlicher Rollen, Identitäten und Funktionen zusammen, die wir streng voneinander isolieren oder aber bewußt miteinander vernetzen können. Das World Wide Web ermöglicht uns auf diese Weise eine artistische Ausgestaltung und ästhetische Dramatisierung derjenigen pluralen Identitätsnetze, die zwar auch unser 'reales Leben' bestimmen, aber IRL nicht immer ausagiert werden können.

Teil 2: Hypertextualität

Während die klassischen Internetdienste von E-mail und Talk über die Net News und Mailinglisten bis zum IRC, den MUDs und MOOs am Modell linearer Textualität orientiert sind, vollzieht sich im World Wide Web der qualitative übergang zur nicht-linearen Hypertextualität. Um die semiotischen Veränderungen herauszuarbeiten, die dieser übergang mit sich bringt, ist es hilfreich, sich zunächst die klassischen Distinktionen in Erinnerung zu rufen, die unser symbolisches Handeln bisher bestimmt haben.

Die klassische Trias: Bild, Sprache, Schrift

Traditionell werden in der Philosophie Sprache und Schrift als abstrakte und arbiträre Zeichensysteme dem Bild als konkretem und natürlichem Abbildungsmedium entgegengesetzt.24 Dabei kommt dem Bild ein eigentümlich ambivalenter Status zu. Einerseits erscheint es in der von Platon bis Hegel reichenden Tradition als "eine Nachbildnerei der Erscheinung"25, d.h. als potenzierter Schein. Dem scheinhaften Bild werden dabei die vermeintlich scheinresistenteren Medien der Sprache und der Schrift gegenübergestellt. Andererseits fungiert das Bild im Hauptstrang der westlichen Tradition, in dem Erkennen als Abbilden und Wahrheit als adaequatio gedacht wird, als positives Leitmodell.26 Sprache wird seit Aristoteles als Werkzeug der arbiträren Bezeichnung von wirklichkeitsabbildenden mentalen Bildern (Vorstellungen) interpretiert, die "bei allen Menschen dieselben sind"27. Entsprechend wird die Schrift zu einem tertiären Supplement degradiert. Als phonetische dient sie dieser Tradition zufolge dazu, die lautlichen Zeichen der gesprochenen Sprache zu materialisieren und speicherbar zu machen. Das Ideal, dem dabei Sprache und Schrift gleichermaßen unterworfen werden, ist das am Modell des Bildes abgelesene Verfahren einer adäquaten und interpretationsneutralen Wiedergabe.28 Wo die Sprache und die Schrift dieses Ideal nicht zu erfüllen vermögen, geraten sie in die dem Täuschungsverdacht ausgesetzte Position, in der sich im X. Buch der platonischen Politeia das Bild befindet. Diese Konstellation hat Jacques Derrida in der Grammatologie herausgearbeitet und zu dekonstruieren versucht.29

In der von Derrida, Goodman, Rorty u.a. angestoßenen neueren Diskussion werden Bilder nicht länger in der Abgrenzung von Zeichen, sondern selbst als Zeichensysteme aufgefaßt, die nach dem Modell von Sprache und Schrift zu analysieren sind. Dabei werden jedoch häufig bestimmte traditionelle Voraussetzungen festgehalten. So wird zumeist angenommen, daß die Differenz zwischen sprachlichen, schriftlichen und piktorialen Zeichen eine Differenz sei, die in der semantischen und/oder syntaktischen Struktur der jeweiligen Zeichensysteme begründet ist.30 Diesen Annahmen steht die auf den späten Wittgenstein zurückgehende These entgegen, daß ein Zeichen erst durch seinen Gebrauch als Laut, als Buchstabe oder als Bild bestimmt wird.31 Gerade unter den Bedingungen einer Gebrauchstheorie des Zeichens wird dann allerdings von verschiedenen Autoren weiterhin darauf insistiert, daß es eine einheitliche Art und Weise der Verwendung von etwas als Bild, als Sprache oder als Schrift gebe. Dieser Ansicht liegt die Vorstellung zugrunde, daß bestimmte Merkmale des Gebrauchs namhaft zu machen seien, die alle 'Bildspiele', 'Sprachspiele' bzw. 'Schriftspiele' als Bildspiele, Sprachspiele bzw. Schriftspiele auszeichnen. Diese durchgängigen Merkmale sollen es erlauben, die unterschiedlichen Zeichenspiele intern einheitlich zu definieren und die verschiedenen Zeichensorten gebrauchstheoretisch sauber voneinander zu scheiden.32 Dem ist entgegenzuhalten, daß es bei einer konsequenten Durchführung der pragmatischen Gebrauchstheorie des Zeichens naheliegt, davon auszugehen, daß wir es jeweils mit komplexen Bündeln von Bild-, Sprach- und Schriftspielen zu tun haben, die auch auf der gebrauchstheoretischen Ebene kein einheitliches Merkmal aufweisen, das allen Elementen der jeweiligen Menge gemeinsam ist. Bereits Wittgenstein hat zur Beschreibung komplexer Verflechtungsverhältnisse dieser Art die Metapher der "Familienähnlichkeiten"33 eingeführt.

Zur internen Verflechtung von Bild, Sprache und Schrift kommt die externe Verflechtung, die das Verhältnis der drei Zeichensorten zueinander bestimmt. So wenig ein durchgehendes Wesensmerkmal aufzeigbar ist, das Bilder als Bilder, Sprache als Sprache und Schrift als Schrift definiert, so wenig lassen sich feste Trennungslinien zwischen den unterschiedlichen Zeichentypen fixieren. Bilder, Laute und Buchstaben sind immer auch relativ auf und in Abhängigkeit von den Medien im engsten Sinn, die den Rahmen ihres Gebrauchs abstecken, voneinander abgegrenzt bzw. miteinander verflochten. Das bisherige Mediensystem, in dem audiovisuelle Medien und Printmedien deutlich voneinander geschieden waren, legte strikte Grenzziehungen zwischen den Zeichensorten nahe. Das multimediale Zeichengeflecht des World Wide Web hebt diese Trennungen auf und definiert die Relationen neu.

Das digitale Zeichengeflecht des Hypertext

Bevor ich auf das für das World Wide Web charakteristische Geflecht von Bild, Sprache und Schrift näher eingehe, möchte ich vorweg noch einmal kurz auf die textorientierten Kommunikationsdienste zurückkommen. IRC, MUDs und MOOs haben sich unabhängig vom World Wide Web entwickelt, werden aber zunehmend ins Web integriert.34 In ihnen fungiert die Schrift als Medium der direkten synchronen Kommunikation zwischen Gesprächspartnern, die physisch getrennt sind und sich im Regelfall noch nie zuvor gesehen haben. Die dem Schriftmedium des Buches eigene Anonymität verbindet sich im "Chat" mit der synchronen Interaktivität und der aktuellen Präsenz der Gesprächspartner, die als charakteristisch für die gesprochene Sprache in der face-to-face-Kommunikation gilt. In der "Computer Mediated Communication" verflechten sich demnach Merkmale, die bisher als Differenzkriterien zur Unterscheidung von Sprache und Schrift dienten.35 Das bedeutet: Der Gebrauch von geschriebenen Zeichen im Kontext des neuen Mediums Internet führt zu einer Veränderung im System der Zeichen insgesamt. Die übergänge zwischen Sprache und Schrift werden fließend. Die traditionelle Auszeichnung der gesprochenen Sprache als Medium der Präsenz wird problematisch. Die Schrift erfährt eine Rehabilitierung.

Die zeichentheoretischen Konsequenzen, die sich aus den kulturellen Praktiken ergeben, die auf dem World Wide Web insgesamt entstehen, sind komplexer als die beschriebenen Effekte im Bereich der textbasierten Kommunikationsdienste. Indem das World Wide Web diese Dienste in sich integriert, nimmt es einerseits die durch sie ermöglichte sprachanaloge Verwendungsweise von Schrift auf. Andererseits aber wird Schrift in den für das World Wide Web charakteristischen Hypertextdokumenten am Leitfaden des Bildes neu organisiert.

Die den Kernbereich des World Wide Web ausmachenden Hypertextdokumente36 können mittels der einfachen Markierungssprache HTML (HyperText Markup Language) so strukturiert werden, daß der Text nicht eine fixe lineare Sequenz darstellt, sondern als ein aktiv zu gestaltendes Geflecht von Textbausteinen funktioniert. Jeder Textbaustein enthält eine Vielzahl anklickbarer Stichworte, Piktogramme und Bilder: die sogenannten "Links". Diese einfach anzulegenden und flexibel veränderbaren Schnittstellen verbinden die Textbausteine zu einem komplexen Netzwerk. Die Hypertexttechnologie hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Schreiben und Lesen von Texten.

Jeder Leser hinterläßt bei der Lektüre seine eigene Spur im Text. Oder besser: jeder Leser komponiert den Gegenstand seiner Lektüre durch aktive Selektion der vorgegebenen Links. Die individuelle Rezeptionsperspektive bestimmt die Abfolge der Textbausteine. Lesen ist nicht länger nur der Vorgang der Rezeption einer fixen, linear abzuarbeitenden Sequenz, sondern wird zu einem Prozeß der mehrdimensionalen, kreativen Interaktion zwischen Leser, Autor und Text. Auch das Schreiben von Texten verändert sich. Schreiben wird zu einem Geschehen der produktiven Vernetzung assoziativer Komplexe. Die vielfältigen Beziehungen, die zwischen den verschiedenen Gedankengängen bestehen, die der Schreibende entwickelt, lassen sich durch Hyperlinks festhalten und repräsentieren. Während der lineare Buch- oder Aufsatztext die komplexen Verflechtungsverhältnisse, die zwischen unseren Gedanken bestehen, künstlich linearisiert und in eine hierarchische Ordnung zwingt, erlaubt der Hypertext eine direkte Darstellung derjenigen Strukturen und Zusammenhänge, die im Buch nachträglich und unzulänglich durch Fußnotenverweise und Indices rekonstruiert werden.

Unter Hypertextbedingungen werden Schreiben und Lesen zu bildhaften Vollzügen. Der Schreibende entwickelt ein netzartiges Gefüge, ein rhizomatisches Bild seiner Gedanken. Dieses Bild ist vielgestaltig und komplex. Es besteht aus einer Pluralität unterschiedlicher Pfade und Verweisungen, die der Lesende zu neuen Gedankenbildern formt, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen der offenen Struktur des Textes und den Interessen und Perspektiven des Lesenden ergeben. Zugleich ist der Schreibende im Medium des Hypertextes nicht mehr in der Position des Allwissenden. Während der traditionelle Autor für das geschlossene System des von ihm geschriebenen Buches oder Aufsatzes allein verantwortlich zeichnet, vollzieht sich das hypertextuelle Schreiben und Denken in unmittelbarer Interaktion mit dem Schreiben und Denken anderer Menschen. Da prinzipiell jede im World Wide Web zugängliche Datei als Textbaustein in das eigene Schreiben integriert werden kann, sind die Interaktionsmöglichkeiten unendlich. Das Verweisungssystem ist grenzenlos. Man könnte sagen, daß es sich beim World Wide Web insgesamt um einen einzigen großen Hypertext handelt, der sich in permanenter Veränderung, in ständiger Bewegung befindet.

Durch das hypertextuelle Datengeflecht des World Wide Web wird es möglich, die Dynamik der Wissenstransformation, die für die moderne Wissenschaft charakteristisch ist, im elektronischen Medium unmittelbar zu spiegeln. Das Medium des Buches und die damit verbundenen Verlagsinstitutionen des Buchmarktes können der sich exponentiell steigernden Dynamik des Wissens schon lange nicht mehr gerecht werden. Der zeitliche Abstand zwischen der Niederschrift eines Textes und seiner Publikation durch den Verlag beträgt mehrere Monate oder sogar Jahre. Diese Zeitkluft wird durch das unmittelbare Publizieren im Netz überwunden.37 Es ist sogar möglich, im Netz selbst an einem Buch oder einem Aufsatz zu arbeiten. Dann vollzieht sich bereits die Entstehung des Textes im Modus der öffentlichkeit, d.h. in enger Kooperation mit anderen Netznutzern, die sich mit ihren Kommentaren in das work in progress einschalten.

Das Internet bedeutet keinesfalls das Ende des Buches. Das World Wide Web verpflichtet nicht zur Hypertextualität. Die linearen Buchstrukturen sind im World Wide Web ohne weiteres abbildbar. Mehr noch: die meisten Texte, die sich gegenwärtig im Netz befinden, sind keine Hypertexte, sondern ganz normale Aufsätze und Bücher, die in HTML-Code konvertiert und ein wenig für das Netz überarbeitet wurden. Derzeit dient das World Wide Web in erster Linie dazu, Bücher und Aufsätze besser und schneller zugänglich zu machen. So ist es heute für einen mit dem Internet vertrauten Philosophen kein Problem mehr, sich die Werke von Immanuel Kant oder John Locke via World Wide Web auf den Bildschirm zu holen oder die Vorträge, die auf einer für ihn wichtigen Konferenz gehalten und im Netz publiziert wurden, einzusehen.38

Demgegenüber stellt das eigentliche, dem neuen Medium angemessene Schreiben und Denken im Hypertextstil noch eine anspruchsvolle Zukunftsaufgabe dar. Schulen und Universitäten, Lehrer, Wissenschaftler und Autoren müssen darauf erst noch vorbereitet werden. Es ist zu erwarten, daß die klassischen Texte der Tradition zu diesem Zweck langfristig auch als echte Hypertexte, d.h. als durch Links verbundene Gedankennetze, zugänglich gemacht werden.39 Das ist nicht so revolutionär und außergewöhnlich, wie es auf den ersten Blick erscheint. Bereits die antiken Texte, die wir heute wie selbstverständlich in Buchform lesen, haben einen ähnlichen Medienübergang hinter sich. Sie wurden ursprünglich auf Papyrusrollen ohne Interpunktion, Seitenzählung und Inhaltsverzeichnis geschrieben und erst nachträglich in Buchform gebracht.40

Nicht nur schriftliche Texte, sondern auch Bilder, d.h. eingescannte Fotographien oder Videos, spielen im World Wide Web eine wichtige Rolle. Auch sie fungieren dort zumeist nach traditionellem Muster, nämlich als eine Art Quasi-Referenz. Sie unterbrechen den Fluß der Verweisungen und stellen künstliche Endpunkte von Menüs, d.h. Sackgassen im Hyperraum dar. Es gibt jedoch auch geschicktere, dem Hypertextmedium angemessenere Formen der Bildpräsentation auf dem Netz. Dabei werden verschiedene Bereiche des Bildes mit "source anchors" versehen, die auf jeweils unterschiedliche "destination anchors" verweisen. Das Bild funktioniert dann selbst wie ein Hypertext. Aktiviere ich einen Link innerhalb des Bildes, werde ich auf andere Bilder oder Texte verwiesen. Das Bild erscheint nicht länger als Referenz und Schlußpunkt eines Menüs, sondern wird selbst zu einem Zeichen, das auf andere Zeichen verweist. Ebenso wie die schriftlichen Hyptertexte dient das hypertextuelle Bild als semiotische Schnittstelle im unendlichen Verweisungsgefüge des Cyberspace.

Berücksichtigt man die interne Datenstruktur digitaler Bilder, dann wird deutlich, daß aus Pixeln zusammengesetzte Bilder in sich selbst Schriftcharakter haben. Mit den entsprechenden Editorprogrammen lassen sich die Elemente, aus denen das digitale Bild besteht, wie die Buchstaben einer Schrift austauschen, verschieben und verändern. Bilder werden so zu flexibel redigierbaren Skripturen. Im digitalen Modus verliert das Bild seinen ausgezeichneten Status als Abbildung von Wirklichkeit. Es erweist sich als eine ästhetische Konstruktion, als ein technologisches Kunstwerk, dessen Semiotik sich intern aus der Relation der Pixel und extern durch die hypertextuelle Verweisung auf andere Dokumente ergibt.41

Die pragmatische Beschränkung, thematische Rückbindung und zielgerichtete Strukturierung der schriftlichen und bildlichen Elemente des World Wide Web zu einem Verweisungsgefüge, das Antworten gibt auf die Fragen, die man sich vor Beginn des Web Browsing gestellt hat, ist als aktive Leistung vom Nutzer zu erbringen. Durch den schnell zu erlernenden Einsatz von Internet-Suchmaschinen wie Alta Vista, InfoSeek, Lycos, WebCrawler oder World Wide Web Worm sowie durch die Verwendung von Archivierungs- und Strukturierungsswerkzeugen wie Bookmarks und Hotlists wird aus dem Netz-Newbie, dem zunächst das 'lost in cyberspace' droht, im Laufe der Zeit ein souveräner Netz-Navigator.42

Der Netz-Navigator oder Cybernaut hat gelernt, sich in der rhizomatischen Flut von Hypertextlinks zurechtzufinden. Er weiß, daß es keinen Ursprungstext, kein 'eigentliches' Dokument gibt, auf das alle anderen Dokumente zu beziehen wären. Er hat durchschaut, daß es auf dem Netz in erster Linie darum geht, aus den vielfältigen und verstreuten Textbausteinen kleine Maschinen, kreative Textgestalten, sinnhafte Bilder zu formen. Die Seinsweise dieser Maschinen, Gestalten und Bilder, die vorher so nicht existiert haben und in Zukunft so nicht weiterexistieren werden, ist vom Typus des übergangs. Die Logik des übergehens ist eine Logik der Transversalität. Ein Denken und Handeln, das ihr gerecht wird, ist durch transversale Vernunft bestimmt.

Teil 3: Transversalität

Der philosophische Begriff der Transversalität ist in der Mathematik und der Geologie seit längerem geläufig.43 In philosophischem Kontext wurde er erstmals von Jean-Paul Sartre verwendet. Als philosophischen Terminus haben ihn Gilles Deleuze und Félix Guattari geprägt. Die Anwendung auf die Vernunfttheorie und der systematische Ausbau zu einem eigenständigen philosophischen Gedankengebäude wurde von Wolfgang Welsch in zwei Schritten geleistet. Einen ersten Entwurf des Konzepts der "transversalen Vernunft" hat Welsch im 11. Kapitel seines Buches Unsere postmoderne Moderne vorgelegt.44 Die systematische Ausarbeitung erfolgte in dem 1995 erschienenen Werk Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft.45 Was sind die Grundgedanken von Welschs Theorie der transversalen Vernunft, und wie lassen sie sich auf die medialen Transformationen unseres Wirklichkeitsverständnisses, die in den beiden ersten Teilen des vorliegenden Aufsatzes beschrieben wurden, beziehen?

Zur Beantwortung dieser Frage konzentriere ich mich auf die systematischen Ausführungen, die Welsch im zweiten Teil des Vernunftbuches unter dem Titel Transversale Vernunft entwickelt hat.46 Zunächst ist herauszustellen, daß Welsch das Konzept der transversalen Vernunft ohne Berücksichtigung medienphilosophischer Fragestellungen entwickelt. Aus diesem Sachverhalt ergibt sich meine Interpretationsstrategie. Sie folgt dem Muster, das George P. Landow in seinem Buch Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology anwendet und mit Blick auf Derrida folgendermaßen beschreibt: "(...) something that Derrida and other critical theorists describe as part of a seemingly extravagant claim about language turns out precisely to describe the new economy of reading and writing with electronic virtual, rather than physical, forms."47 Zwar hat Welsch - anders als Derrida - von früh an den "exoterischen" Charakter postmodernen Denkens betont.48 Was ihn aber in Sachen 'electronic writing' mit Derrida verbindet, ist der Sachverhalt, daß auch Welsch den Zusammenhang zwischen der von ihm beschriebenen Verfassung von Vernunft und den medialen Möglichkeitsbedingungen dieser Vernunft, die in den digitalen Netzwerken zu Tage treten, bisher nicht expliziert hat.49

Die zentralen Gedanken von Welschs Konzept der transversalen Vernunft lassen sich anhand dreier Grundthesen resümieren. Erstens: Die Verfassung von Rationalität ist durch eine unhintergehbare Unordentlichkeit gekennzeichnet. Zweitens: Vernunft ist prinzipiell fähig, diese Unordentlichkeit zu rekonstruieren und präzise zu beschreiben. Drittens: Erst wenn es der Vernunft gelingt, sich auf die unbewußten Verflechtungen der Rationalitäten produktiv einzulassen, ist sie für die Lösung gegenwärtiger Problemstellungen angemessen gerüstet. Die erste These richtet sich gegen die von Kant bis Habermas und Lyotard vorherrschende Vorstellung, daß es sich bei der Vernunft um ein ordentliches Gefüge deutlich voneinander geschiedener Rationalitätstypen handelt. Die zweite These opponiert der Diffusionsgefahr, die insbesondere im Umfeld des posthistorischen Denkens, aber auch bei einigen postmodernen Philosophen zu einer Haltung der Beliebigkeit und des `anything goes` geführt hat. Die dritte These macht klar, daß angewandte und problemorientierte Philosophie keinesfalls auf eine einfache Applikation abstrakter philosophischer Modelle auf die Wirklichkeit hinauslaufen muß, sondern der Reflexion auf die praktisch wirksamen Rationalitätskonstellationen fähig ist, die bereits in ihrem Inneren durch kontingente Realitäten bestimmt sind.

Alle drei Thesen sind anhand der interaktiven Hypertextualität des World Wide Web ausbuchstabierbar. Dabei lasse ich mich von der Annahme leiten, daß das World Wide Web ein Medium ist, in dem die aus der Sicht der Buchkultur unbewußte und verborgene Unordentlichkeit der Rationalität, die Welsch zum Gegenstand macht, explizit zu Tage tritt. Zunächst ist es jedoch wichtig, eine Unterscheidung nachzutragen, die für das Verständnis von Welschs Grundthesen zentral ist. Sie wird von Welsch gleich in der Einleitung zum zweiten Teil seines Buches exponiert. Ich meine die Unterscheidung zwischen Rationalität und Vernunft. Im Rekurs auf die kantische Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft bestimmt Welsch Vernunft als dasjenigen Vermögen, dessen Aufgabe es ist, über das Verhältnis der unterschiedlichen Rationalitätstypen zu reflektieren.50

Die erste der drei Grundthesen bezieht sich auf das Verhältnis der Rationalitäten. Sie läßt die Frage nach der Vernunft im Sinne eines darüber hinausgehenden Vermögens der Reflexion zunächst noch außen vor. Das Verhältnis der Rationalitäten bestimmt Welsch als ein Verhältnis der "rationalen Unordentlichkeit"51. Während von Kant bis Habermas und Lyotard das Gefüge der Rationalitäten am Leitfaden des Buches, nämlich als Relationsgefüge separater und in sich autonomer Kapitel (Kant, Habermas) oder Aphorismen (Lyotard), konzipiert worden ist, vergleicht Welsch "die Realverfassung der Rationalität"52 im Rückgriff auf Derrida und Deleuze mit "bewegliche[n] und veränderliche[n], netz- und gewebeartige[n] Architekturen".53 Ausführlich zeigt Welsch, daß das klassische Ordnungsgefüge von kognitiver, ästhetischer und moralisch-praktischer Rationalität ein Oberflächenphänomen ist. Ihm liegt ein kontingentes Netz von "Familienähnlichkeiten"54 zwischen unterschiedlichen Paradigmen und Paradigmenverbänden zugrunde. Die sich daraus ergebende rationalitätstheoretische Maxime besagt, daß "das gesamte Verkehrsystem sowohl der horizontalen wie der vertikalen Anschlüsse aufzudecken"55 sei. Dabei, so weiter Welsch, werde sich zeigen, "daß die (...) interparadigmatischen (...) Verflechtungen meist nicht hierarchisch, sondern lateral organisiert sind. Ihr Zusammenhang hat eher die Struktur eines Gespinstes als die einer Schichtung."56

Das World Wide Web kann auf diesem Hintergrund als ausgezeichnetes Medium transversaler Vernunft interpretiert werden. Die von Welsch detailliert analysierten Verflechtungen und übergänge nehmen im World Wide Web als elektronische Links mediale Gestalt an. Welschs Reinterpretation der klassischen Rationalitätentrias als "Effekt von Familienähnlichkeiten"57 läßt sich am World Wide Web unmittelbar verdeutlichen. Im World Wide Web spielt die klassische Unterscheidung zwischen den verschiedenen Rationalitätstypen eine wichtige Rolle. So lassen sich auf der theoretischen Ebene drei unterschiedliche Highways ausdifferenzieren: der (kognitiv akzentuierte) Information and Commerce Highway, der (moralisch-praktischen Zwecken dienende) Education Highway und der (ästhetisch grundierte) Entertainment Highway. Im praktischen Umgang mit dem Netz aber ist uns - anders als außerhalb des Netzes - jederzeit bewußt, daß diese Unterscheidungen von uns an ein komplexes Gefüge von Hyperlinks herangetragen werden, dessen interne Familienähnlichkeiten sich ständig verschieben und je nach Perspektive unterschiedliche Konfigurationen hervorbringen. Während das Medium des Buches und ein an ihm geschultes Denken diese Verhältnisse eher verdeckt als verdeutlicht, macht das World Wide Web sie explizit.

Auch die zweite Grundthese von Welschs Theorie der transversalen Vernunft läßt sich für die philosophische Analyse des World Wide Web fruchtbar machen. Anders als die erste bezieht sich diese These nicht allein auf das Geflecht der Rationalitäten, sondern fokussiert das innerhalb dieses Geflechts operierende Vermögen der reflektierenden Vernunft. Aufgabe dieses Vermögens ist es, "die ungenügende Selbstauffassung und das überzogene Selbstbewußtsein der Paradigmen"58, aus denen sich das Geflecht der Rationalitätstypen zusammensetzt, zu korrigieren. Die Paradigmen tendieren dazu, ihre Position innerhalb eines Geflechts von Geflechten und die sich daraus ergebende Relativität zu ignorieren. Sie sind auf ihre Gegenstände fixiert und blenden die strukturellen Bedingungen ihrer Leistungsfähigkeit selbstvergessen aus.59 Wenn sie ihre eigene Umgebung, ihre Möglichkeitsbedingungen und ihre Konkurrenten wahrnehmen, dann meist im Modus der Verleugnung oder Abkanzelung. Sie erklären sich zu dem einzig wahren und gültigen Paradigma, erheben falsche Ausschließlichkeitsansprüche und neigen zu einem impliziten Absolutismus. Die Aufgabe transversaler Vernunft ist es, die aus Paradigmen hervorgehenden Rationalitäten über dieses zweifache Selbstmißverständnis aufzuklären: "Wo diese doppelte Aufklärung gelingt, überführen die Interventionen der Vernunft die einzelnen Paradigmen aus ihrer bloß rationalen in ihre vernünftige Form."60

Mit einer ähnlichen Problematik konfrontiert uns das World Wide Web. Das zeigt sich bereits an den Widerständen, auf welche die Etablierung einer konsequent hypertextuellen Zeichenpraxis stößt. Jeder Text, jedes Bild, jede Webpage tendiert dazu, sich zum Zentrum des Netzes zu erklären. Das Problem kehrt auf der technischen Ebene wieder: Jeder Web Browser, jeder Online Provider erhebt implizit oder explizit den Anspruch, den einzig wahren und authentischen Zugang zum Medium zu eröffnen. Sogar im Blick auf die Definition des Ganzen herrscht der Kampf um das 'wahre' World Wide Web. Die einen proklamieren das Commerce Net, die zweiten das Education Web und wieder andere den Entertainment Highway. Dabei versteht sich jede Partei als ausschließlicher und einzig verbindlicher Statthalter des Netzes.

Aber nicht nur die Ausgangsproblematik einer radikalen Pluralität, auf welche die transversale Vernunft reagiert, sondern auch das Operieren dieser Vernunft selbst läßt sich anhand des World Wide Web verdeutlichen. Auf der Ebene der Texte, Bilder und Webpages fungieren Internet Agents, Search-Robots, Bookmarks und Hotlists gleichsam als in Software gebannte Vollzüge transversaler Vernunft. Wie diese sind sie durch "Reinheit, Leere und überlegenheit"61 charakterisiert. Die genannten Net Tools sind von Inhalten unabhängige, rein formale Strukturen zur Erzeugung von Relationen. Sie geben dem Nutzer das Werkzeug an die Hand, das vonnöten ist, um die Selbstüberschätzung der Subsysteme zu durchbrechen und die Hyperlandschaft des Netzes, d.h. die präzisen Verflechtungszusammenhänge zwischen den Webseiten zu erhellen. Auf der Ebene der Browserprogramme tragen die freie Verfügbarkeit der Sharewareversionen unterschiedlicher Web Browser und die Onlinediskussion über deren Vor- und Nachteile dazu bei, die Etablierung von Browsermonopolen zu verhindern. Auch darin lassen sich Züge transversaler Vernunft wiedererkennen. Das gleiche gilt auf der Ebene der Internetprovider: Transversale Gateways, durch welche die verschiedenen Provider mit dem World Wide Web und untereinander verbunden sind, relativieren die durch einen bestimmten Provider vorgegebene Netzsicht. Dabei ist hervorzuheben, daß es sich auf allen drei Ebenen (Webpages, Browser, Provider) nicht nur um mediale Realisierungen eines theoretischen Vermögens, sondern zugleich um praktische Forderungen und konkrete Aufgaben handelt, die für die zukünfige Medienpolitik wichtige Wegmarken setzen.

Damit bin ich bei der dritten Grundthese von Welschs Vernunftbuch. Philosophie, die am Leitfaden transversaler Vernunft operiert, ist in ihrem Inneren bereits Praxis. Transversale Vernunft bedarf nicht einer nachträglichen Applikation auf konkrete Probleme, sondern ist als solche bereits eminent politisch. Auch dieser letzte Aspekt transversaler Vernunft kommt im World Wide Web zu sich selbst. Schreiben und Denken im Netz sind von sich selbst her bereits praktische Vollzüge. Das heißt auf einer ganz grundlegenden Ebene zunächst: Sie haben handwerklichen Charakter. Schreiben und Denken im Netz sind nicht zu trennen von der kreativen Installation von Hyperlinks, von der ästhetischen Gestaltung des Designs von Webseiten, von der gestalterischen Arbeit mit graphischen Editorprogrammen und dem geschickten Programmieren mit HTML. Das alles sind praktische, d.h. künstlerisch-handwerkliche Vollzüge, durch die der Schreibende aus der Position eines reinen Beobachters herausgerissen und in konkrete Handlungszusammenhänge eingebunden wird. ähnliches gilt für den Umgang mit den Net Tools. Die Arbeit mit den Tools, aber auch die hypertextuelle Struktur selbst führen dazu, daß der Nutzer aus den vermeintlich rein theoretischen Untersuchungen, in denen er sich bewegen mag, auf institutionelle Verflechtungen, auf scheinbar abseitige Konnexionen und politische Zusammenhänge verwiesen wird. Das unterscheidet die offene Arbeit im World Wide Web von der geschlossenen Welt des Buches.

Die Ergebnisse meiner überlegungen lassen sich in drei Punkten resümieren. Erstens: Das World Wide Web erweist sich als ein genuines Medium transversaler Vernunft. Zweitens: Das Konzept transversaler Vernunft bewährt sich als Grundlage für eine pragmatische Medienphilosophie. Drittens: Deren Aufgabe ist es, das Verhältnis der Medien im weiten, engen und engsten Sinn als ein Verhältnis transversaler Verflechtungen auszubuchstabieren. Auf dieser Basis lassen sich die medialen Transformationen unseres Wirklichkeitsverständnisses, die sich im Zeitalter der digitalen Netztechnologien vollziehen, ohne spekulativen Bombast philosophisch analysieren und pragmatisch umsetzen.


  1. Nelson Goodman, Weisen der Welterzeugung (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984). [zurück]
  2. Richard Rorty, The Linguistic Turn. Recent Essays in Philosophical Method (Chicago/London: The University of Chicago Press 1967). [zurück]
  3. Jacques Derrida, Grammatologie (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1983). [zurück]
  4. William J. Mitchell, Picture Theory (Chicago: The University of Chicago Press 1994) insbes. S. 12-13. [zurück]
  5. Zum Einfluß der Medien im engsten Sinn auf Raum und Zeit vergleiche Zeit-Medien-Wahrnehmung, hrsg. von Mike Sandbothe und Walther Ch. Zimmerli (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994) sowie Mike Sandbothe, Zur Veränderung unserer Zeiterfahrung durch die elektronischen Medien. Ein kleines Panorama medienphilosphischer Grundpositionen, in: Synthetische Welten: Kunst, Künstlichkeit und Kommunikationsmedien, hrsg. von Eckhard Hammel (Essen: Blaue Eule 1996) S. 133-156. [zurück]
  6. John S. Quarterman, The Matrix. Computer Networks and Conferencing Systems Worldwide (Burlington: Digital Press 1990). [zurück]
  7. Quarterman, The Matrix, S.. XXVII. [zurück]
  8. Eine Zusammenstellung wichtiger Quellen findet sich im World Wide Web auf der Home-Page der IRTF Survey Working Group (http://www.zilker.net/swg). Zu diesen Quellen zählen auch die von Quarterman mitbegründeten Matrix Information and Directory Services (MIDS). Sie sind unter der folgenden WWW-Adresse einsehbar: http://www.mids.org/mids/index.html. [zurück]
  9. Vgl. hierzu und zum folgenden John S. Quarterman: MIDS Press Release: Sizes of the Internet in October 1995, in: Matrix News, no. 601, January 1996. Eine Onlineversion dieses Artikels findet sich auf der MIDS-Homepage (s. Anm. 8). [zurück]
  10. Ebd. [zurück]
  11. Vgl. hierzu John S. Quarterman, Summary of the Results. Second TIC/MIDS Internet Demographic Survey, a.a.O., S. 3-4 sowie ders. und Smoot Carl-Mitchell, Is the Internet All Male?, in: Matrix News, vol. 5 (5), May 1995. [zurück]
  12. Vgl. hierzu auch: Die Männer sind nicht allein am Computer, auch die Frauen haben Lust im Cyberspace. Ein Gespräch zwischen Mike Sandbothe und Sherry Turkle, in: Die Tageszeitung, 19. März 1996, S. 14-15. Die entscheidenden Differenzen, welche die 'Informationsarmen', die keinen Zugang zu dem neuen Medium haben, von den 'Informationsreichen' abgrenzen, die ans Netz angeschlossen sind, haben nur wenig mit dem Geschlecht zu tun, sondern sind in erster Linie sozialer, ökonomischer, geographischer, generations- und bildungsspezifischer Art. Vgl. hierzu: Public Access to the Internet, hrsg. von Brian Kahin und James Keller (MIT Press: Cambridge, Mass. 1995). [zurück]
  13. Einen überblick über den aktuellen Entwicklungsstand des World Wide Web gibt Steven Vaughan-Nichols, Inside the World Wide Web (Indianapolis: New Riders Publishing 1995). [zurück]
  14. Vgl. hierzu Steven Levy, The Year of the Internet, in: Newsweek, Nr. 26, Special Double Issue, 25. Dez. 1995/ 1. Jan. 1996, S. 17-26. [zurück]
  15. Vgl. hierzu Wolfgang Welsch, Künstliche Paradiese. Elektronische Medien und andere Welten, in: Universitas. Zeitschrift für interdisziplinäre Wissenschaft, 50. Jahrgang, Nr. 584, Februar 1995, S. 106-117, insbes. S. 108f. [zurück]
  16. Der Begriff 'Cyberspace' wurde von William Gibson in seinem Roman Neuromancer (New York: Ace 1984) geprägt. Ebenso wie der Begriff der Virtual Reality ist er im wissenschaftlichen Bereich zunächst zur Bezeichnung audiovisueller und taktiler Simulationstechnologien verwendet worden, die den Benutzer mit Hilfe von Datenanzügen und Datenhelmen in künstliche dreidimensionale Computerwelten versetzen. Erst in den letzten Jahren ist die Bedeutung beider Begriffe auf die digitalen Räume des Internet ausgedehnt worden. In diesem auf das Internet bezogenen Sinn werden beide Begriffe von mir verwendet. [zurück]
  17. Vgl. zum folgenden: Sherry Turkle, Life on the Screen. Identitiy in the Age of the Internet (New York: Simon & Schuster 1995), insbes. Kapitel III, 177-269. [zurück]
  18. Eine gut verständliche Beschreibung und Analyse des IRC findet sich im 6. Kapitel von Howard Rheingolds populärem Internet-Buch Virtuelle Gemeinschaft. Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers (Bonn: Addison-Wesley 1994) S. 219-242. Zum Thema vgl. auch die ausführliche Untersuchung von Elisabeth Reid Electropolis: Communication and Community on Internet Relay Chat, Honours Thesis, Department of English, University of Melbourne, 1991 (Online-Version: http://aluluei.home.att.net/electropolis.htm). Eine Kurzfassung der Studie von Reid findet sich in Intertek, Bd. 3.3, Winter 1992, S. 7-15.zurück zum Text)
  19. Vgl. hierzu Rheingold, a.a.O., Kapitel 5. Eine ausführliche Analyse der Kommunikationsstrukturen von MUDs hat Elisabeth Reid vorgelegt: Cultural Formations in Text-Based Virtual Communities, Master Thesis, Department of English, University of Melbourne, 1994 (Online-Version: http://aluluei.home.att.net/electropolis.htm). [zurück]
  20. Vgl. hierzu Rheingold, a.a.O., Kapitel 5, insbes. S. 191ff und 215ff. sowie die einschlägigen Untersuchungen von Amy Bruckman (s.u. Anm. 21). [zurück]
  21. Vgl. Amy Bruckman und Michael Resnik: The MediaMOO Project. Constructionism and Professional Community, in: Convergence. The Journal of Research into New Media Technologies, Spring 1995, vol. 1, no. 1, 94-109 (via ftp: media.mit.edu/pub/asb/papers/3cyberconf). Zum Spiel mit Identitäten im MediaMOO siehe auch: Amy Bruckman, Identity Workshop. Emergent Social and Psychological Phenomena in Text-Based Virtual Reality, 1992, ftp://ftp.cc.gatech.edu/pub/people/asb/papers/identity-workshop.rtf. [zurück]
  22. Vgl. zum folgenden William J. Mitchell, City of Bits. Space, Place, and the Infobahn (Cambridge, Mass./London: MIT Press 1995). Eine Online-Version dieses Buches findet sich auf der Homepage von MIT Press unter der folgenden Adresse: http://mitpress2.mit.edu/e-books/City_of_Bits/. [zurück]
  23. Zur pluralen Verfassung unserer alltäglichen Identität siehe Antje Gimmler und Mike Sandbothe, Unsere alltägliche Postmoderne. Grundgedanken postmodernen Denkens und deren Sedimentierung im alltäglichen Selbst- und Weltverständnis, in: Frauen-Welten, hrsg. von Dieter Reigber (Düsseldorf u.a.: Econ 1993), 230-281. [zurück]
  24. Vgl. hierzu im überblick: Bernard E. Rollin, Natural and Conventional Meaning: An Examination of the Distinction (The Hague/Paris: Mouton 1976). [zurück]
  25. Platon, Politeia, in: ders., Werke in acht Bänden, hrsg. von Gunther Eigler, (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1971), Bd. IV, S. 803 (598b). [zurück]
  26. Das ist in kritischer Absicht von Martin Heidegger gezeigt worden. Vgl. hierzu insbes. seinen Aufsatz Die Zeit des Weltbildes, in: ders., Holzwege (Frankfurt a.M.: Klostermann 1950), S. 73-110. [zurück]
  27. Aristoteles, Lehre vom Satz, in: ders., Kategorien. Lehre vom Satz (Organon I/II) (Hamburg: Meiner 1974), S. 95 (16a). [zurück]
  28. Vgl. hierzu Rortys Kritik an der Tradition in: Richard Rorty, Der Spiegel der Natur (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987). [zurück]
  29. Jacques Derrida, Grammatologie (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1983). [zurück]
  30. Eine solche Position vertritt (im Anschluß an Goodman) Oliver R. Scholz in seinem Buch Bild-Darstellung-Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellung (Freiburg/München: Alber-Verlag 1991), insbes. Kapitel 4, S. 82-110. [zurück]
  31. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, in: ders., Werkausgabe, Bd. 1 (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1982). [zurück]
  32. Vgl. hierzu David Novitz, Pictures and Their Use in Communication: A Philosophical Essay (The Hague: Nijhoff 1977) sowie Soren Kjorup, Pictorial Speech Acts, in: Erkenntnis, Bd. 12, 1978, S. 55-71 und aus linguistischer Perspektive Manfred Muckenhaupt, Text und Bild (Tübingen: Narr 1986). [zurück]
  33. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, in: ders., Werkausgabe, Bd. 1 (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984) S. 278 [67]. [zurück]
  34. In Kombination mit dem innovativen Einsatz von Intelligent Agents ist diese Integration von der MIT-Absolventin Pattie Maes in dem World-Wide-Web-Environment Firefly realisiert worden (http://www.ffly.com/). Diese seit Februar 1996 öffentlich zugängliche Cyber Mall mit Virtual Community Appeal hatte bereits nach drei Monaten über 350.000 angemeldete Teilnehmer. Tatsächlich sind die Hintergründe für die zunehmende Integration der textbasierten Kommunikationsdienste ins World Wide Web nicht zuletzt auch kommerzieller Art. Hat es sich doch gezeigt, daß kommunikative Kontexte die sonst eher zögerlichen Online-Kunden zum Tele-Shopping motivieren können. Vgl. hierzu: Alice Richmond, Enticing Online Shoppers to Buy - A Human Behavior Study, Vortrag auf der Fifth International World Wide Web Conference, 6-10 Mai 1996, Paris, http://www5conf.inria.fr/fich_html/papers/P50/Overview.html. [zurück]
  35. Vgl. hierzu auch Elisabeth M. Reid, die detailliert untersucht, wie durch die kulturellen Praktiken im IRC die "sharp distinction between the spoken and the written word" (Reid, Electropolis, Honours Thesis, a.a.O., S. 1) aufgehoben wird. [zurück]
  36. Der Begriff 'Hypertext' wurde Mitte der sechziger Jahren von Ted Nelson geprägt. In seinem Xanadu Hypertext System hat er als einer der ersten versucht, das Hypertextkonzept technisch umzusetzen. Vgl. hierzu Ted Nelson, Literary Machines (Swarthmore, Pa.: Self-published 1981). Es war jedoch nicht Nelson, sondern Douglas C. Engelbart, der mit seinem oN Line System (NLS), das 1968 auf der Fall Joint Computer Conference erfolgreich präsentiert wurde, dieses Ziel zuerst realisierte. Die Idee der Hypertextualität in einem weiten Sinn geht zurück auf Vannevar Bush. Der frühe Pionier des assoziativen "information retrieval" hat bereits in den dreißiger Jahren eine neue, technisch avancierte Architektur des wissenschaftlichen Denkens und Forschens projektiert. Seine Ideen hat er jedoch erst im Juli 1945 in seinem im Atlantic Monthly (Heft 176, S. 101-108) erschienenen Artikel As We May Think der öffentlichkeit präsentiert. Das von ihm entworfene "Memex"-System - "Memex" steht für "Memory Extender" - war als eine mechanische Apparatur gedacht, die es durch "associative indexing" ermöglichen sollte, daß "any item may be caused at will to select immediately and automatically another" (Bush, a.a.O., S. 34). Zur Geschichte der Hypertextsysteme siehe Jakob Nielsen, Multimedia and Hypertext. The Internet and Beyond (Boston u.a.: Academic Press 1995), Kapitel 3, S. 33-66. [zurück]
  37. Vgl. hierzu auch Martin Grötschel und Joachim Lügger, Wissenschaftliche Information und Kommunikation im Umbruch. über das Internet zu neuen wissenschaftlichen Informationsstrukturen, in: Forschung und Lehre. Mitteilungen des Deutschen Hochschulverbandes, 4/1996, S. 194-198. [zurück]
  38. Als Ausgangspunkte für philosophische Online-Recherchen seien hier exemplarisch die Sammlungen ausgewählter WWW-Philosophieangebote genannt, die Peter King (http://users.ox.ac.uk/~worc0337/phil_index.html) oder Dieter Köhler (http://www.philo.de/Philosophie-Seiten/) angelegt haben. [zurück]
  39. Eine übersicht über laufende sowie bereits realisierte Projekte dieser Art findet sich in: Hypermedia and Literary Studies, hrsg. von Paul Delany und George P. Landow (Cambridge, Mass./London: MIT Press 1991) Part III: Applications, S. 185ff. [zurück]
  40. Vgl. hierzu Leighton D. Reynolds and Nigel G. Wilson, Scribes and Scholars: A Guide to the Transmission of Greek and Latin Literature (Oxford: Clarendon Press 1978) und Jay David Bolter, Writing Space. The Computer, Hypertext, and the History of Writing (Hillsdale, N.J./London: Lawrence Erlbaum Associates 1991), insbes. Kapitel 6. [zurück]
  41. Vgl. hierzu William J. Mitchell, The Reconfigured Eye. Visual Truth in the Post-Photographic Era (Cambridge, Mass./London: MIT Press 1992). [zurück]
  42. Optimalen Zugang zu den wichtigsten Suchmaschinen eröffnete die von William Cross zusammengestellte "All-in-One-Search-Page" des Albany Net (http://www.allonesearch.com/all1srch.html). [zurück]
  43. Zur Geschichte des Begriffs der Transversalität vgl. Wolfgang Welsch, Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1995), S. 367-371. [zurück]
  44. Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne (Weinheim: VCH Acta humaniora 1987; Vierte Auflage Berlin: Akademie Verlag 1993). [zurück]
  45. Welsch, Vernunft, a.a.O. [zurück]
  46. Die Frage nach dem Verhältnis dieser Ausführungen zu Welschs Entwurf im Postmoderne-Buch klammere ich hier aus. Vgl. hierzu: Wolfgang Welsch und Mike Sandbothe, Postmodernity as a Philosophical Concept, in: Comparative History of Literatures in European Languages: Volumes on Postmodernism, Vol. 1, hrsg. von Hans Bertens and Douwe Fokkema, (Amsterdam: John Benjamins Publishing Co. 1996). [zurück]
  47. George P. Landow, Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology (Baltimore and London: John Hopkins University Press 1992) S. 8. [zurück]
  48. Vgl. hierzu Welsch, Unsere postmoderne Moderne, a.a.O., insbes. S. 202-206. [zurück]
  49. Eine erste Analyse des Internet hat Welsch in seinem Essay Information Superhighway or Highway Number One? vorgelegt (in: Living, 7. Jahrgang, Heft 1, 1995, S. 42-43). Hier stellt er jedoch keine direkte Beziehung zum Konzept der transversalen Vernunft her. [zurück]
  50. Vgl. hierzu Welsch, Vernunft, a.a.O., S. 437f. Zur Geschichte der Unterscheidung von Verstand und Vernunft vgl. Welsch, ebd., S. 804-826. [zurück]
  51. Welsch, ebd., S. 447. [zurück]
  52. Welsch, ebd., S. 448. [zurück]
  53. Welsch, ebd., S. 943. [zurück]
  54. Welsch im Rekurs auf Wittgenstein, ebd., 534ff. [zurück]
  55. Welsch, ebd., S. 601. [zurück]
  56. Welsch, ebd., S. 601. [zurück]
  57. Welsch, ebd., S. 534. [zurück]
  58. Welsch, ebd., S. 673ff. [zurück]
  59. Vgl. hierzu Welsch, ebd., S. 674ff. [zurück]
  60. Welsch, ebd., S. 673. [zurück]
  61. Welsch, ebd., S. 631ff. [zurück]

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