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erschienen in: Philosophische Rundschau, 2003, 50. Jg., Heft 3, S. 204-212.

Dieter Mersch

Technikapriori und Begründungsdefizit. Medienphilosophien zwischen uneingelöstem Anspruch und theoretischer Neufundierung

Auszug


[...]

Gegen die kulturwissenschaftliche Standardthese eines Medien- und entsprechend Technikaprioris hebt Mike Sandbothe zu Recht die Notwendigkeit einer erst noch zu leistenden Fundierung von Medienphilosophie hervor und macht so auf ein grundlegendes theoretisches Defizit aufmerksam - das der Begründung, der Legitimität des Diskurses selber: »Eine systematisch ausbuchstabierte Medienphilosophie ist bis heute ein Desiderat der Forschung« (PM, S. 11), heißt es gleich zu Beginn seiner lohnenswerten Pragmatischen Medienphilosophie. Dabei sucht er im Anschluss an den amerikanischen Pragmatismus, namentlich der Philosophie Richard Rortys, eine solche »Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internets« - so der Untertitel - durchzuführen. Doch versteht Sandbothe seinen Entwurf ausdrücklich noch als Einführung, als »Prolegomena« einer künftigen Medienwissenschaft: »Das eigentliche Gebäude ist erst noch zu bauen. Die pragmatische Medienphilosophie steht mit der vorliegenden Skizze erst an ihrem Anfang.« (PM, S. 239)

Der Ansatz, der auf einer umfangreichen Skizze der gesamten medientheoretischen Landschaft basiert,  versucht insbesondere einen Dialog zwischen  »theoretizistischen«  und »pragmatischen«  Perspektiven.   Die Unterteilung lehnt terminologisch an Wolfgang Welschs  Vernunftbuch an; sie wird dort als »Hauptgegensatz« in der derzeitigen Philosophie apostrophiert. 1 Zwar erscheint die Differenzierung wenig glücklich, insofern sie zum einen eine implizite Wertung vornimmt, die den »Theoretizismus« gegenüber dem »Pragmatismus« auf eine folgenlose Immanenz von Reflexionen verpflichtet, zum anderen sich selbst einer Theoretisierung verdankt, die disparate Theorietypen auszeichnet - doch nutzt Sandbothe die Gegenüberstellung zur Unterscheidung zweier grundlegender Paradigmen in der Medienphilosophie: (i) erstens ein theoretisches, das - etwa wie bei Rieger und anderen - den Medienbegriff zur Fundamentalkategorie totalisiert, dem folglich alles, Denken wie Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wissen als medial konstruiert erscheint und entsprechend Medientheorie zu einer Universaldisziplin stilisiert (PM, S. 23ff.), und (ii) zweitens ein pragmatisches, das auf den Mediengebrauch abhebt und das gegenüber idealistischen Überzeichnungen als »antifundamentalistische Gegenbewegung« (PM, S. 26) pointiert wird.

Dabei seien, so Sandbothe, die medienphilosophischen Implikationen des Pragmatismus allererst zu entwickeln (PM, S. 107). Dessen Blick richtet sich auf die medialen Nutzungsstrategien sowie auf die sich ganz auf den »Werkzeugcharakter« einer experimentellen Weltveränderung kaprizierenden Handlungen: »Es ist dieser praktisch-experimentelle und nicht der theoretisch-optionale Aspekt, der die spezifische Differenz ausmacht zwischen einem auf ganzheitliche Wirklichkeitserkenntnis ausgerichteten Theoretizismus und einem innerhalb historisch-kontingenter, soziopolitischer Voraussetzungen arbeitenden Pragmatismus, für den Überzeugungen und Theorien als Handlungsregeln existieren, deren spezifische Signatur sich allein in der handelnden Praxis zeigt (...).« (PM, S. 145). Demnach lassen sich zwei gegensätzliche Linien in den zeitgenössischen Debatten ziehen: (i) Erstens eine vom linguistic turn aus, deren Aufarbeitung ein eigenes Kapitel gewidmet ist (PM, S. 48 ff.) und letztlich Sprachphilosophie, Semiotik und Semiologie beerbt - nicht nur Riegers kulturwissenschaftliche Einlassungen würden dazu gehören, sondern vor allem die sich von Ernst Cassirer und dem Poststrukturalismus her verstehenden Medientheorien, die sich bis zur Grammatologie Jacques Derridas weiterverfolgen lassen, sowie (ii) zweitens eine von der pragmatischen Wende her, wie sie vor allem Hilary Putnam und Richard Rorty eingeleitet haben. Sie mündet heute in eine »Renaissance des Pragmatismus« (PM, S. 63ff.) - so der programmatische Titel eines ebenfalls vom Autor herausgegebenen Sammelbandes.2

(i) Im ersten Fall lassen sich nach Sandbothe wiederum zwei Hauptachsen ausmachen, welche heuristisch nach Vertikalität und Horizontalität gegliedert werden: Einmal ein Medienbegriff, der gleichsam senkrecht zu den Zeichenprozessen an deren Materialität erinnert und die Frage der Sinnkonstitution von dort her unterläuft - Medien wären danach nicht primär sinnerzeugend, sondern nur sinntragend; zum zweiten ein Medienbegriff, der eine Pluralität medialer Formate postuliert und damit jenseits der Dominanz linguistischer Systeme »piktoriale, graphische, taktile, motorische, akustische und andere Zeichensysteme« (PM, S. 99) gleichberechtigt nebeneinander stellt. Beide axialen Interventionsstrategien laufen bei Derrida zusammen: Vertikal hebe er auf die genuine Skripturalität aller Zeichensystemen ab, horizontal umgreife sein Schriftbegriff unterschiedliche semiotischer Systeme, ohne damit bereits deren Sprachlichkeit zu präjudizieren. Vielmehr handele es sich um eine generelle Semiotik, die die Linguistik grammatologisch überschreitet und Schrift als verkörperte Struktur im Sinne einer diskreten Ordnung abstrakter Marken auffasst, die als Grundlage einer allgemeinen Medientheorie fungiert.

Während, wie Sandbothe betont, die erste Bewegung in die »Binnenverfassung der Sprache« selbst vorstoße und deren phonozentrische Auszeichnung gleichsam von innen her »dekonstruiere«, relativiere die zweite Bewegung das »Sprachapriori« von außen und konfrontiere es mit einer Vielzahl unterschiedlicher Zeichensysteme (vgl. PM, S. 103). Schrift avanciere dann zur universellen Metapher für semiotische und mediale Strukturen überhaupt, seien es Worte, Bilder, Gesten, Skulpturen, Musiken etc. - doch werde dadurch, so Sandbothe, der »theoretizistische Zugriff« schließlich noch überhöht, sogar absolut gesetzt, weil darin »von allen konkreten Interessenzusammenhängen und allen bestimmten Zielsetzungen menschlicher Gemeinschaft« abstrahiert werde: »Die theoretizistische Aufgabenbestimmung der Medienphilosophie zielt auf die medialen Möglichkeitsbedingungen unseres Selbst- und Weltverständnisses insgesamt und damit auf einen Bereich, der hinter allen praktischen Nützlichkeitshorizonten liegen und diese selbst erst hervorbringen, begründen oder legitimieren soll.« (PM, S. 104)

(ii) Gegenüber diesen rein abstrakten Bestimmungen, die die klassische Frage nach dem »Was ist...« aufwerfen und Medien unabhängig von ihrer spezifischen Verwendungsweise charakterisieren, wird im zweiten Fall das Hauptgewicht auf pragmatische Verflechtungsverhältnisse, Strukturen der Intermedialität und die Beziehungen zwischen Medien und Nutzern gelegt. Nicht das »Was«, sondern das »Wie« entscheidet, wobei Sandbothe die »medienphilosophischen Implikationen pragmatischen Denkens«, wie sie bei Rorty und Putnam nicht ausdrücklich zum Zuge kommen, allererst zu explizieren sucht (PM, S. 107ff.).

Dies geschieht anhand von »vier idealtypischen Leitmaximen« (PM, S. 112ff.): (a) erstens dem »Ratschlag«, »Medien« nicht »als epistemologische Schlüsselbegriffe aufzubauen«, sondern »statt dessen auf den konkreten Gebrauch zu achten, den wir von Medien in bestimmten Handlungskontexten« machen (PM, S. 112), wobei Sandbothe ebenso auf Nietzsche rekurriert wie auf Wittgensteins Sprachspielkonzeption (vgl. PM, S. 113); (b) zweitens, nicht auf vermeintliche Kontinuitäten, Dauern und damit Identitäten zu setzen, sondern zeitliche Variabilitäten und Diskontinuitäten einzurechnen (PM, S. 114ff); (c) drittens mediale Praktiken nicht repräsentationalistisch engzuführen, sondern das Patchwork, die Pluralität und Fragmentarität von Zeichen- und Medienprozessen gerade pragmatisch weiterzuentwickeln (PM, S. 116); und schließlich (d) viertens die gegebenen »medialen Environments« nicht an idealen Determinanten zu messen, sondern »aktiv« mitzugestalten und so zu einer Überwindung der »Fesseln der theoretizistischen Medienkultur« zu kommen (PM, S. 118).

Zusammenfassend heißt es: »Die von mir exponierten Leitmaximen der pragmatischen Medienphilosophie sind von der Erfahrung des sich derzeit vollziehenden Medienwandels geprägt. Mehr noch: Sie steuern ihrer Intention nach gezielt auf die Frage zu, ob und wie sich in den digitalen Zeichenwelten der interaktiven Datennetze eine Pragmatisierung unseres Medienumgangs vollzieht.« (PM, S. 118)

Damit kommt allerdings ein Medienbegriff ins Spiel, der Medium und Medialität als elastische Kategorien versteht. Medien »existieren« nicht an sich, als Strukturen, Apparate oder Artefakte, vielmehr werden sie »erst von der Gemeinschaft der Mediennutzer hergestellt« (PM, S. 163). Sie realisieren sich gleichsam im Zuge ihrer Praxis; sie lassen sich weder ontologisch noch epistemologisch definieren, sondern sie bilden die Produkte ihrer Akteure und deren jeweiliger Nutzungsprofile, die ihnen allererst ihre »kulturelle Signatur« auferlegen: »Die Nutzerinnen und Nutzer konstruieren durch sozial habitualisierte Weisen des Mediengebrauchs das, was ein Medium (in Relation zu einem anderen Medium) jeweils ist. Medien sind aus dieser gebrauchstheoretischen Sicht nicht als wahrnehmungstechnische Erweiterungen von Sinnesorganen, vielmehr als soziale Konstruktionen zu verstehen.« (PM, S. 163) Gibt sich daher der theoretizistische Medienbegriff als einseitig semiotisch und erkenntnistheoretisch überformt, verzichtet Sandbothes pragmatische Bestimmung auf jegliche Festlegung, sondern sieht in Medien lediglich Mittel im Sinne von »Werkzeugen« (PM, S. 109f.), die erst kraft ihrer Verwendung werden, was sie sind.

Von der allmählichen Verfertigung des Mediums durch seinen Gebrauch ließe sich in Abwandlung eines Wortes von Heinrich von Kleist sprechen - doch wird darin zugleich der Medienbegriff »instrumentell« enggeführt. Denn Medien bilden »Handlungsinstrumente zur Veränderung der Wirklichkeit bzw. zur Koordination zwischenmenschlichen Handelns« (PM, S. 156), d.h. sie erfüllen Aufgaben oder Zwecke, die sie an teleologische Muster, an Entwürfen, Optionen oder Strategien binden. Der antimetaphysische Impuls des Pragmatismus, dem Sandbothe auf diese Weise eine medienphilosophische Note verleiht, enthüllt hier seine gleichzeitige Schwäche: In dem Maße, wie er zwar dem Nutzer seine Macht, seine Souveränität zurückerstattet, vermag er umgekehrt der Eigenlogik von Sprache und Kommunikation, sowenig wie der des Bildes nicht mehr gerecht zu werden. Anders ausgedrückt: Wenn der Pragmatismus - übrigens ganz im Gegensatz zum Verständnis seines »Gründers« Charles Sanders Pierce - einen Praktizismus beinhaltet, wäre dieser eigens noch seiner technischen und damit konstruktivistischen Vorentscheidung zu entkleiden. Kritik des Technischen und des technisch-wissenschaftlichen Komplexes fällt deshalb aus, weil nur mehr Wirkungen und Möglichkeiten zählen, diese aber als solche sich jeder Beurteilung entziehen. Zur Entscheidung für die Wirklichkeit der Medien gibt es keine Alternative, allenfalls in bezug auf deren Weiterentwicklung, deren Reform. Verzicht ist keine annehmbare Dimension: Deutlich wird so der - trotz aller relativistischen Emphase - grundsätzlich affirmative Zug des Pragmatismus: Indem er von einer Realität ausgeht, deren Projekt er fortschreibt, vermag er deren Ganzes nicht mehr in den Blick zu bekommen und zu kritisieren - denn zur Kritik bedarf es des »Theoretizismus«, d.h. der Auslotung der Grenzen des Medialen selbst.

Mit der latenten Affirmativität des Pragmatischen korrespondiert darüber hinaus ebenfalls eine besonders bei Richard Rorty auffallende normative Sanktionierung des Demokratischen, der auch Sandbothe nachdrücklich folgt. Darin liegt das zweite Bedenken, das sich gegen seinen Entwurf einer »pragmatischen Medientheorie« vorbringen lässt. Hatte nämlich Rorty als »Strategie« empfohlen, »alles von der Erkenntnistheorie und der Metaphysik auf die Kulturpolitik (...) und von Wissensansprüchen und Berufungen auf selbstverständliches Einleuchten zu Vorschlägen empfehlenswerter Bemühungen« zu verlagern3 und unverhohlen von einem »Vorrang der Demokratie vor der Philosophie« gesprochen,4 bildet auch für Sandbothe der entscheidende Fokus seiner Erörterungen eine normative Auszeichnung implizit demokratischer Potentiale medialer Praktiken. Sie gelten ihm als Kriterien jener transformatorischen Prozesse, welchem er das Programm einer »Politisierung und >Ethisierung<« des Mediengebrauchs »in Zeiten des Internets« widmet (vgl. PM, S. 83f., 93ff., S. 182ff. und öfter). Die maßgebliche Absicht wird am Schluss der Untersuchung offenbart: »Das Konzept pragmatischer Medienphilosophie (...) zielt in seiner praktischen Umsetzung auf die Erschließung von medien­politischen Gestaltungsräumen. Diese lassen sich mit Hilfe eines pragmatischen Wissenschaftsverständnisses eröffnen, das auf eine demokratisch orientierte Zukunftsgestaltung hin ausgerichtet ist.« (PM, S. 241).

Problematisch sind dabei vor allem drei Punkte. (i) Erstens wiederholt Sandbothe das Credo der angeblichen Demokratisierungseffekte durch die Entwicklung von Kommunikationstechnologien und besonders des Internets. Solche Vorstellungen haben die Geschichte der Massenmedien seit ihrem Beginn begleitet. Vergleichbare Hoffnungen wurden mit ähnlichen Vokabeln nacheinander für das Telefon, das Radio und das Fernsehen ausgesprochen; sie kehren heute nicht minder eindringlich, freilich in modifizierter Gestalt, in bezug auf das World Wide Web wieder. Die Debatten sind vielfältig und heterogen, sie reichen von der Zuversicht, die globalen Computernetze bildeten einen Beitrag zur Entwicklung einer globalen Demokrade bis zur Emphase einer radikaldemokratischen Dezentralisierung und Enthierarchisierung von Kommunikation insgesamt. Symptomatisch sind Positionen wie von Heidi und Alvin Toffler oder John Naisbitt, die bereits vor einem Jahrzehnt eine neue Ära der Demokratie anbrechen sahen, die weniger repräsentativ als direkt, weniger national als transnational funktioniere.5 Zwar stimmt Sandbothe nicht unkritisch in die übertriebenen Hymnen ein, sondern spricht lediglich von Chancen, die die Internet-Technologie gewährleiste, die zudem als Möglichkeiten nur unter der Bedingung einer eigens erst zu entwickelten Urteilskraft genutzt werden könnten, gleichwohl webt er am selben demokratischen Mythos des Internets mit, wenn die handelnden Subjekte dessen technische Potentiale adäquat ausschöpfen sollten.

Dabei schlägt er im Sinne Wolfgang Welschs ein »transversales Konzept« vor, das ebenso ein Denken in offenen Strukturen jenseits von Kausalitäten, Hierarchien und Begründungen bedeute, wie es sich überall, wie Welsch es ausdrückte, eine »Souveränität der Vernunft« bewahre.6 Die angemahnte »übergängliche« Urteilskraft, die so allererst eine rationale und demokratische Praxis eröffne, hat darin ihren eigentlichen Ort: Das Prinzip der Transversalität fungiert für Sandbothe nicht als theoretische Vermittlungsinstanz zwischen Sprachspielen, sondern bedeutet selbst einen pragmatischen Fall, der von »exemplarischen Analysen« konkreter Anwendungen ausgeht, worin sich »philosophisches Denken experimentell« zu bewähren habe (PM, S. 149). Das Internet als »hypertextuelles Netz« bilde dafür geradezu einen Paradefall (PM, S. 152ff.): Zwar handele es sich nicht um ein radikal neues Medium, vielmehr »um ein digitales Geflecht aus bereits bekannten Medien«, die »via Hochgeschwindigkeits- und Telekommunikationsleitungen« miteinander vernetzt sind und so »Nutzungsformen und Inhalte, die wir aus Fernsehen, Radio, face-to-face-Kommunikation, von Telefon, Video und Printmedien her kennen« (PM, S. 152), übernimmt - doch verbindet es diese zugleich zu einem komplexen »Medienhybrid«, (PM, S. 152), der als »transversales System« funktioniert. Eben dadurch biete es auf einzigartige Weise die Chance zu einer »aufklärerisch-demokratischen Gestaltung menschlichen Zusammenlebens« (PM, S. 151) - die freilich eigens noch entlang der Maxime partizipatorischer Ideale zu analysieren und zu bewerten wären (vgl. S. 182ff.).

(ii) Dennoch bleibt das Problem normativer Sanktionierung, die durch die »transversale Vernunft« nicht begründet, sondern vorausgesetzt wird. Liest man außerdem diese »Pragmatisierung des Mediengebrauchs im Internet« (vgl. PM, S. 182) vor dem Hintergrund der verzweigten Diskussion um die sogenannte »Cyperdemokratie«, enthüllt sich als weiteres Problem eine implizite Engführung des Demokratiebegriffs selber. Nirgends wird nämlich dieser explizit ausgeführt, vielmehr ausschließlich auf Partizipation eingeschränkt. Entscheidend sind für Sandbothe offenbar interaktive, d. h. letztlich »prozedurale« Regeln, nicht Fragen von Macht, demokratischem Bewusstsein oder Gerechtigkeit. Das Paradox, dass das Medium soziale Beziehungen ebenso vervielfältigt wie zerstört, kommt nicht vor.

Das hat seinen Spiegel in der Analyse des spezifischen Kommunikationsformats selber. Es basiere - wogegen zunächst nichts einzuwenden ist - nach Sandbothe auf einem erweiterten Schriftbegriff, wie ihn der digitale Code zur Verfügung stelle, doch fungiere das Digitale als Universalformat, das Bild, Text, Zahl usw. in sich vereine. Diese implizierten alternative Formen des Schreibens, wie sie sich nicht nur in E-Mail und den Chats in Anlehnung an orale Muster ausgebildet hätten, sondern ebenfalls in einer »Bildwerdung der Schrift« und einer »Schriftwerdung des Bildes« niederschlage, wodurch tendenziell die Differenz zwischen Wort und Bild kollabiere: »Das hypertextuelle Zeichengeflecht des World Wide Web lässt sich vor diesem Hintergrund in seiner Gesamtverfassung als eine bildhafte Struktur, das heißt als ein >textuelles Bild< oder >Textbild< beschreiben. Dessen Signatur ist pragmatisch grundiert. Es steht nicht primär für eine zeichenhafte oder nichtzeichenhafte Realität, die es konstruiert oder abbildet. Statt dessen funktioniert es als ein digitales Kommunikationswerkzeug, das die semiotischen Verweisungszusammenhänge, die unter repräsentationalistischen Vorzeichen als Ausdrucks- und Darstellungsmedien fungieren, antirepräsentationalistisch zur Koordination zwischenmenschlicher Handlungen nutzt.« (PM, S. 194)

Dabei legt Sandbothe ein besonderes Gewicht darauf, dass dadurch eine kommunikative Praktik entstehe, die er unter den etwas prätentiösen Titel der Derridaschen differance stellt, um anzudeuten, dass es nicht mehr um symbolische Gehalte, um primär semantische Strukturen gehe, sondern um das Spiel eines unendlichen Verweisungsgeschehens, das seine Dynamik aus der fortwährenden Verkettung von Signifikanten beziehe (vgl. PM, S. 196f.). Die Rede ist von einer »pragmatischen Dekonstruktion« der »semiotischen Kommumkationsmedien« via Internet (vgl. PM, 194, 196, 199), die einen ebenso antihierarchischen wie nichtlinearen Prozess auslöse. Hier liegt auch der Konnex zu den vermeintlichen Demokratisierungseffekten: Eine vom Internet geprägte Medienkultur verfahre nach Sandbothe »pluralistisch-partizipatorisch«, was den autonomen User voraussetze: »Der zeitliche Ablauf der Lektüre wird nicht mehr von der monolinearen Raumsignatur des Textes vom Medium selbst her vorgegeben, sondern aufgrund der polylinearen Raumsignatur des Hypertexts in die Verantwortung des Lesers gerückt (...). Der Lektürevorgang wird auf diesem Wege zu einem Geschehen, in dessen Vollzug der hypertextuelle Raum auf individuelle Weise gezeitigt wird. Die komplexe Räumlichkeit des Hypertexts motiviert den Leser dazu, diese selbst durch individuelle Zeitigungsvollzüge zu organisieren.« (PM, S. 205)

(iii) Der letzte Punkt offenbart die dritte Schwäche der vorliegenden theoretischen Grundlegung: die Fiktion des »souveränen Nutzers«. Denn die polylinearen, antihierarchischen und zugleich pluralistisch-partizipatorischen Aspekte des Internets müssen nach Sandbothe als solche eigens erst genutzt werden, was das Programm der Entwicklung einer angemessenen »pragmatischen Medienkompetenz« unterstelle. Es führt auf das Prinzip der »reflektierenden Urteilskraft« zurück (vgl. PM, S. 216ff). Keine technische Bedingung scheint sie zu verhindern, vielmehr hat sie ihren Sitz in der aufgeklärten Subjektivität des Nutzers selber, womit an Rationalitätsideale der Aufklärung angeschlossen wird.

Es handelt sich also nach Sandbothe darum, einen adäquaten Umgang mit dem »unendlichen Verweisungsgefüge digitaler Zeichen« allererst zu erwerben - was Ausbildung und Erziehung einschließt, welche u.a. bedeuten, »in konkreten Anwendungssituationen durch einen pragmatischen Abbruch« das Gleiten der Signifikanten »zu einem relativen Ende zu bringen« (PM, S. 224). Die Ausführungen zu diesem Punkt lesen sich gerade am Schluss streckenweise wie ein strategisches Positionspapier, das erneut die Kategorie des selbstbewussten und selbstbestimmten Subjekts im Zeichen des Pragmatismus aufruft und in den Appell mündet: »Die skizzierten Wege markieren pragmatische Bedingungen, unter denen die vielfältigen soziopolitischen Umsetzungsmöglichkeiten, die das Internet in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen bietet, auf sinnvolle und demokratisch anspruchsvolle Art und Weise ergriffen werden können. Von entscheidender Bedeutung ist dabei der auf der Basis der skizzierten wirtschafte-, bildungs- und medienpolitischen Voraussetzungen bewusst zu gestaltenden Übergang (...) zu einer pragmatisch signierten Alltagsepistemologie.« (PM, S. 233, 234)

Es ist dieser fraglose »Normativismus«, die fehlende Problematisierung der Gehalte solcher selbstverständlich in Anschlag gebrachten Kategorien wie »Demokratie«, »partizipative Interaktion« oder »Subjektivität« und »Souveränität des Nutzers«, deren empirische Relevanz angesichts technischer Kommunikationen noch zu prüfen wäre und die die lohnende Lektüre am Ende umschlagen und einen Teil ihrer Plausibilität einbüßen lassen. Denn der Verdacht liegt nahe, dass es sich dabei lediglich um die Wiederholung jenes technizistischen Mythos handelt, der die Durchsetzung des Internets von Anfang an begleitete und dem die Untersuchung damit noch einmal aufsäße.

[...]


1 Vgl. Wolfgang Welsch, Vernunft, Frankfurt/M 1996, S.889ff.

2 Mike Sandbothe (Hg.), Die Renaissance des Pragmatismus. Aktuelle Verflechtungen zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie,Weilerswist 2000

3 Richard Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Frankfurt/M 2000, S. 84

4 Ders., Solidarität oder Objektivität? Drei philosophische Essays, Stuttgart 1988, S. 82-125

5 Vgl. Alvin u. Heidi Toffler, Creation a New Civilisation, Atlantis 1994; John Naisbitt,The Global Paradox, New York 1994

6 Vgl. insb. W. Welsch, Vernunft, a.a.O., S. 759ff.

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