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erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom 27.01.2001, S. V.

Ludger Heidbrink

Rezension

Nichts ist gegeben

Aufsätze zur Renaissance des amerikanischen Pragmatismus

Der Pragmatiker ist ein Mensch, der mit dem Machbaren rechnet. Er betrachtet die Welt nicht unter dem Aspekt des Möglichen, sondern des Wirklichen. Sein Metier ist der gesunde Alltagsverstand, der die Dinge so nimmt, wie sie sind. Nicht die ewige Wahrheit, sondern der praktische Erfolg bildet das Ziel seines Handelns. Es ist dieser Sinn für den Realismus, der den Pragmatiker verdächtig macht. Man wirft ihm eine opportunistische Haltung gegenüber den Aufgaben der Zeit vor und bezichtigt ihn der instrumentellen Handhabung der Vernunft, die er zur Durchsetzung seiner Interessen benutzt, ohne auf geltende Normen und Regeln Rücksicht zu nehmen.

So gesehen passt die gegenwärtige Konjunktur des Pragmatismus in das Bild derjenigen, die schon lange vor dem Bankrott der Aufklärung und der Tyrannei eines postmodernen Relativismus gewarnt haben, dem alles einerlei ist - Hauptsache, die Bilanzen, Quoten und Wahlergebnisse stimmen. Insbesondere in der Philosophie stellt das pragmatische Denken seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Bedrohung der objektiven Rationalität dar, als deren Quelle nicht das lebenspraktische Handeln, sondern die gusseisernen Gesetze der kategorischen Vernunft gelten. Auch wenn diesbezüglich Hegel schon einige kluge Einwände gegen Kant vorgebracht hat, wird der Pragmatismus in Deutschland immer noch als allzu unsicherer Kandidat betrachtet, um zu verlässlichen Aussagen über die Welt zu gelangen.

Daran hat auch die bisherige Rezeption der amerikanischen Gründerväter des philosophischen Pragmatismus, zu denen vor allem Charles S. Peirce, William James, Ferdinand C. S. Schiller, George H. Mead und John Dewey zählen, nicht viel geändert. Es hat zwar unter dem Einfluss dieser Autoren eine Öffnung der Vernunftkategorien für sinn- und sprachkritische Fragen stattgefunden, durch die das Eingebundensein unserer Wahrheitskriterien in lebensweltliche Bedeutungshorizonte in den Blickpunkt gerückt ist. Einsichten, die auch auf Heidegger und Wittgenstein zurückgehen und etwa bei Apel und Habermas zur universal- und transzendentalpragmatischen Konsenstheorie der Verständigung geführt haben. Insgesamt dominiert jedoch in der deutschen Universitätsphilosophie ein Begründungsfundamentalismus, der auf normative Legitimation pocht und keinen spezifischen Sinn für situative Problemlösungen und kontextuelle Rechtfertigungen besitzt.

Erst in letzter Zeit hat es der Pragmatismus geschafft, ins Rampenlicht der intellektuellen Öffentlichkeit zu treten. Dies ist vor allem Richard Rorty zu verdanken, der neben Donald Davidson, Hilary Putnam und Richard Brandom zu den Vorreitern einer neopragmatischen Abkehr von den traditionellen Bewusstseins- und Realitätsmodellen gehört, in denen davon ausgegangen wird, dass die Wirklichkeit ein inneres Wesen besitzt, das sich unabhängig vom Standpunkt der Beobachtung und der verwendeten Darstellungsmittel erfassen lässt. Bei allen Unterschieden (und Streitigkeiten) eint die Neopragmatiker eine antirepräsentationalistische Haltung, wonach unsere Bezugnahmen auf die Welt immer schon durch Sprache, Absichten und Interpretationen vermittelt sind, so dass es weder eine deutungsfreie Wirklichkeit noch absolute Maßstäbe des Richtigen gibt.

Es ist das Verdienst des von Mike Sandbothe herausgegebenen Bandes, diese Debatte mit neueren Aufsätzen von Brandom, Putnam und Rorty über Wolfgang Welsch und Albrecht Wellmer bis zu Barry Allen und Joseph Margolis zu dokumentieren. Freilich liegt auch darin die Grenze des Buches - es bleibt beschränkt auf die Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Positionen der analytischen Tradition, ohne darüber hinaus die Relevanz pragmatischer Fragen für ein verändertes Verständnis der kontinentalen Philosophie deutlich zu machen. Die Texte sind nicht nur größtenteils Kommentare zu Rortys "transformativer" und "experimenteller" Neubeschreibung herkömmlicher Erkenntnis- und Handlungsprobleme. Sie demonstrieren auch den inzestuösen Charakter der postanalytischen Schule, in der sich die Autoren wie beim Tischtennis die Begriffsbälle zuschlagen, um mit neuen Etikettierungen und Differenzierungen auf Einwände zu parieren, die zu weiteren Korrekturen und Akzentverlagerungen führen, ohne dass das Spiel selbst eine andere Gestalt annehmen würde.

Entsprechend bekannt sind die Resultate. Sie erschöpfen sich in der wiederholten Bekräftigung, dass wir in einer semantisch vorstrukturierten Welt leben, dass zwischen Wahrheit und Rechtfertigung ein unauflöslicher Zusammenhang besteht und es keinen "view from nowhere" (Thomas Nagel) gibt, mit dem wir wie der liebe Gott das Sein der Dinge erkennen können. Das Problem des Neopragmatismus besteht darin, dass er sich mit Fragestellungen beschäftigt, deren Beantwortung - in Anlehnung an ein bekanntes Wort von William James - für den Lauf der Welt keinen praktischen Unterschied macht. Es mag immer noch einige philosophische Geister geben, für die es wichtig ist, ob unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit "natürlichen" Ursprungs sind, "mentale" Bilder darstellen oder "soziale" Konstrukte bilden. Hinter derartigen Überlegungen verbirgt sich ein ontologisches Erbe, das genau zu der Kluft zwischen dem Ich und seiner Welt geführt hat, die sich nur durch komplizierte reflexive Manöver wieder schließen lässt. Der Neopragmatismus ist der letzte Nachfahre der großen metaphysischen Entzweiungstheorien, deren Zweifel an einer verlässlichen Wirklichkeit er fortsetzt, je stärker er die Selbstverständlichkeit unseres Involviertseins in die Lebenspraxis betont.

Ohne die Leistungen des Neopragmatismus und der analytischen Philosophie schmälern zu wollen, der wir die Klärung zahlreicher Scheinprobleme und eine größere Exaktheit im Umgang mit Begriffen verdanken: Wer weiterhin glaubt, den "Mythos des Gegebenen" (Sellars) widerlegen oder auf implizite normative Elemente in unseren Sprachhandlungen (Brandom) hinweisen zu müssen, bewegt sich auf Pfaden, über die zahlreiche Vertreter der kontinentalen Philosophie schon gegangen sind. Man muss nur an die philosophische Anthropologie oder Hermeneutik erinnern, für die der "Holismus" menschlicher Welterfahrung - unsere Vernetzung mit einer vorgängigen, gleichwohl begrifflich einholbaren Realität - ein altes Thema ist.

Soll ein fruchtbarer Dialog zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie zustande kommen, bedarf es einer genaueren Beschäftigung mit dem, was die andere Seite an Wissen, Erkenntnissen und Methodologien hervorgebracht hat. Auch wenn der Band den Anspruch, die "scharfe Trennung" zwischen den Lagern zu überwinden, nicht einlöst, zeigt er doch die Richtung an, in die ein derartiges Unternehmen gehen müsste.

Die pragmatische Haltung bildet, richtig verstanden, kein Einfallstor für schnödes Nützlichkeitsdenken, keinen Freifahrschein ins Reich funktionalistischer Willkür, sondern die Grundlage einer wirklichkeitsaufmerksamen Philosophie, die sich auf Augenhöhe der Probleme befindet, um deren Lösung es geht. Die pragmatische Vernunft schlägt sich nicht mit Konstitutionsfragen und philologischen Details herum, sondern präsentiert Handlungsmodelle für eine zunehmend komplexer werdende Welt, in der Entscheidungen unter Unsicherheitsbedingungen gefällt werden.

Weil unser Leben befristet und unsere Sichtweise begrenzt ist, müssen wir uns mit vorletzten Einsichten zufrieden geben, die unserer aufgeklärten Alltagsrationalität entspringen. Sie stellt uns Gründe zur Verfügung, die nicht immer verallgemeinerungsfähig, wohl aber plausibilisierbar sind. Der Pragmatiker beherrscht die Kunst der inventiven Begründung - er findet Argumente auch dort, wo Rechtfertigungen versagen. Eine Philosophie, die ihre Zeit auf den Begriff bringen will, sollte sich einer Theorie der praktischen Klugheit widmen, die mit dem Machbaren rechnet, um das Mögliche zu verwirklichen.

MIKE SANDBOTHE (Hrsg.): Die Renaissance des Pragmatismus. Aktuelle Verflechtungen zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie. Verlag Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2000. 335 Seiten, 39 Mark.

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