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erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom 25.02.2003.

Frank Böckelmann

Rezension

Die Kunst, aneinander vorbei zu reden

Programmatisch: Wie die Konsensbildung zur "Medienphilosophie" auf anregende Weise scheiterte

Die Herausgeber wollten mit einer Sammlung programmatischer Stellungnahmen ihr großes Projekt voranbringen, die Etablierung der „Medienphilosophie“ als akademischer Disziplin. Aber was wie eine Einladung zur Mitbestimmung aussah, war zugleich Ausdruck arger Verlegenheit, musste doch überhaupt erst geklärt werden, wofür der Name des neuen Fachs stehen sollte. Er geht vielen so leicht von der Zunge, weil er eine Plausibilität suggeriert, die er nicht besitzt. Manche spielen mit ihm auf die Neuen Medien an, andere auf die elektronischen oder die Massenmedien oder die Medien im weitesten Sinn, einschließlich der Schrift und der symbolisch generalisierten Codes gesellschaftlicher Subsysteme (Geld, Macht, Recht, Liebe, Kunst, Glaube). Oder man unterstellt eine Familienähnlichkeit von allem, was Medium genannt wird.

Der Sammelband, eine Taschenbuch-Originalausgabe für das studentische Publikum, enthält neben den Texten der drei Herausgeber die Beiträge von neun deutschsprachigen Philosophen und Kulturwissenschaftlern. Letztere waren aufgefordert worden, die Frage, was Medienphilosophie sei, thesenhaft zu beantworten und damit dem Fach, dessen Gründung irgendwie unabweisbar erschien, einen Lehrinhalt zuzuweisen. Die Lektüre zeigt jedoch, dass von zwölf Positionen keine zwei einander nahe genug sind, um mit ihnen Schule machen zu können. Ein Argument für die Gründung ist das nicht und auch kein Beleg für die Vielfalt des Philosophierens in Deutschland und Österreich. Denn der Begriff wurde zwölfmal unterschiedlich aufgefasst. Es liegen somit Thesen zu zwölf verschiedenen Reflektionsbereichen vor (die sich allerdings häufig überschneiden). Von den Herausgebern abgesehen, visiert nur der Österreicher Stefan Weber, einer vermuteten Themenvorgabe folgend, die Institutionalisierung von „Medienphilosophie“ an, nicht ohne vorzuschlagen, das Fache doch besser „Medienepistemologie“ zu nennen.

Die Autoren kennen sich gut von Tagungen und der gegenseitigen Lektüre ihrer Publikationen, und weil sie sich so gut kennen, beherrschen sie die Kunst, aneinander vorbei zu reden (deren Anwendung unter Schnellrednern in „Medien“- und „Kommunikations“-Foren ohnehin unvermeidlich ist). Mike Sandbothe bemüht sich im abschließenden Beitrag um eine Klärung der Positionen und unterscheidet eine „theoretizistisch orientierte“, nach strengen Definitionen strebende Medienphilosophie von einer „pragmatischen“, welche die Medien als Werkzeuge zur Demokratisierung der Welt behandelt und im Mediengefüge den „kulturellen Handlungsraum“ des Philosophierens erkennt. Zur Gruppe der Pragmatiker zählt Sandbothe im Autorenkreis aber nur sich selbst. Sein Mitstreiter Stefan Münker beauftragt die Philosophie mit der Reflektion der Medienabhängigkeit ihrer sämtlichen Begriffe. Er hält unser Fragen nach Realität und Virtualität und unsere ethischen Debatten für historisch unvergleichlich, während Alexander Roesler als dritter Herausgeber die Auffassung vertritt, es gehe immer noch um die alten philosophischen Probleme, nur eben in „medialer“ Perspektive.

Die Suche nach einem Minimalkonsens ist gründlich gescheitert. Aber die teils werbenden, teils gereizten Klärungsbemühungen verdienen ausnahmslos Respekt und stimulieren dazu, aus einigen theoretischen Hängepartien zu lernen und vielleicht ganz anders und noch unverfrorener anzusetzen. Bei der Annäherung an Prozesse, die sowohl Gegenstand als auch Voraussetzung der Begriffsarbeit sind und diese somit chronisch überfordern, konnten sich die Autoren nicht besser aufeinander einlassen als durch konsequente Eigenwilligkeit. Man sollte der Spur des Unvereinbaren folgen – wie Elena Esposito die Möglichkeit von Medienphilosophie bestreitet, Barbara Becker sich gegen die „Fetischisierung von Innovationen“ zur Wehr setzt, Matthias Vogel den vor- und nichtsprachlichen Formen der Kommunikation Geltung verschafft und Reinhard Margreiter aufzeigt, dass sich Medialität und Erkenntnisstreben seit jeher wechselseitig bedingen –, dann könnte erneut, interdisziplinär natürlich, das Verwundern über unsere künstliche Welt, der immer wieder die Unmittelbarkeit zustößt, beginnen. Programmschriften wurden erbeten, Arbeitsgrundlagen sind entstanden. Ärgerlich ist lediglich der leiernde und selbstverliebte Seminarton, der einige Beiträge durchzieht. Gänzlich frei von diesem Ton sind die fulminanten Polemiken von Lorenz Engell und Frank Hartmann, die der Behaglichkeit des Alles-mit-allem-Vermittelns und dem Trugbild progressiven Weltenlenkens durch Medienentwicklung ein Ende bereiten. Lorenz Engell merkt man den Hochschullehrer nicht an, obwohl er der einzige bestallte Medien-Philosoph Deutschlands ist. (Man beachte den Bindestrich.) Zu ihm und zu Hartmann hier kein weiteres Wort. Man erstehe den schmalen Band und arbeite sich durch.

Zu: STEFAN MÜNKER, ALEXANDER ROESLER, MIKE SANDBOTHE (Hrsg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2003. 224 Seiten, 12,90 €.

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