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erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.11.2001, Nr. 258, S. L17.

Christoph Albrecht

Rezension

Der Wald wird gefegt

Zum Internet? Halten Sie sich Links!

Wir sind Affen. Virtuos, aber idiotisch hangeln wir uns an Lianen durch den Dschungel. Der Dschungel, das ist das Internet. Die Lianen, das sind die sogenannten "Links" zwischen den Seiten. Tim Berners-Lee, der Erfinder des Web, hatte 1989 von einem Informationssystem geträumt, dessen logische Struktur die Welt im Modell nachbildete, um die es auf der Inhaltsebene ging. Er dachte deshalb über die Beziehungen zwischen Gegenständen nach: Wer hat diesen Code geschrieben? Wo arbeitet er? Welche Dokumente existieren über diesen Begriff? Welche Dokumente beziehen sich auf das aktuelle Dokument? Die letzte Frage beschreibt das Internet in seiner heutigen Form: Dokumente, die durch Links miteinander zu einem Datendschungel verflochten sind. Die Arbeit, Links zu setzen und ihnen zu folgen, müssen wir als Autoren und Leser von "Hypertexten" selbst auf uns nehmen. Denn die Antworten stehen zwar in den Dokumenten, aber nur wir Menschen, nicht jedoch Maschinen können sie verstehen. Die Links können deshalb nicht automatisch erzeugt werden. Und die bestehenden Links erlauben uns Menschen nur, so lange umherzuspringen, bis uns schwindelig wird. Das macht mitunter Spaß, aber vor lauter Lianen, an denen wir uns durchhangeln, sehen wir oft die Bäume nicht mehr - und vor allem nicht die Früchte, die wir ernten wollten.

Das "Semantische Web", die Verheißung der Computerwissenschaftler, gleicht nun einem Ernte-Roboter oder einem mechanischen Affen, der darauf dressiert ist, die gewünschten Früchte für uns einzusammeln. Damit er das kann, müssen wir unser abstraktes Wissen über Bäume, Früchte und Lianen, über Themen, Wissensressourcen und die Beziehungen zwischen Themen gleichsam in Affensprache ausdrücken. Wenn all die in verteilten Quellen - Textservern, Projektdatenbanken, E-Mail-Verzeichnissen und Terminkalendern - vorliegenden Informationen mit semantischen, bedeutungstragenden "Duftmarken" versehen sind, dann kann unser Affe sie auf unsere Anfrage hin eigenständig einsammeln und uns zu Füßen legen. Das grundlegende Wissen über Bäume, Früchte und Lianen, über das der Affe verfügt und das er benötigt, um sich zu orientieren und eigenständig Schlüsse zu ziehen (etwa: "Wissenschaftler A ist Mitarbeiter an einem Projekt zum Thema X, also ist A möglicher Ansprechpartner zum Thema X"), ist sein Weltbild. Man spricht hier von sogenannten "Ontologien". Das sind Vokabulare, die sowohl wir Menschen als auch unsere maschinellen Affen verstehen. Sie sind so angelegt, daß zwischen den Ontologien verschiedener Ökosysteme ein Austausch möglich ist - also unabhängig beispielsweise davon, ob gewisse Zitrusfrüchte unter dem Namen "Orangen" oder "Apfelsinen" zu suchen sind.

Seit Jahrhunderten haben Philosophen nach universellen Kategorien gesucht, um alles Existierende zu klassifizieren, Enzyklopädisten haben nach universellen Terminologien gesucht, um alles Sagbare zu bestimmen, und Bibliothekare haben nach universellen Stichwörtern gesucht, um alles Geschriebene speichern und wiederfinden zu können. Das Internet erneuert diese Anstrengungen auf der Grundlage technischer Standards der Wissensrepräsentation. Intelligente künstliche Affen mit feinen Greifwerkzeugen werden also jene Bulldozer ablösen, denen die noch nicht sehr sensibel und präzise arbeitenden Suchmaschinen unserer Tage gleichen. Sie sollen den Widerspruch der Wissensgesellschaft aufheben: Wie können wir mehr schreiben und gleichzeitig weniger lesen?

Mit diesen praktischen Fragen beschäftigt sich beispielsweise der Computerwissenschaftler Dieter Fensel in seinem Fachbuch über "Ontologien". Schon der Plural deutet den Bedeutungswandel an, den dieser klassische philosophische Begriff im praktischen Kontext technischen Informationsmanagements erfährt. Mike Sandbothe dagegen schlägt den entgegengesetzten Weg ein - von der technischen Praxis zur "pragmatischen Medienphilosophie". Die neue Disziplin soll es mit dem Gebrauch von Medien zu tun haben. Sandbothe erwähnt E-Mails, Mailinglisten sowie Internet-Foren für News, Gespräche und Rollenspiele. Er referiert jedoch lediglich einige Fallstudien anderer Autoren. Die im Internet gebrauchte Auszeichnungssprache HTML erlaubt es, Bilder als Linkanker zu definieren, von denen man per Mausklick zu einer anderen Seite springen kann. Diese "internetspezifische Art und Weise des Umgangs" beschreibt Sandbothe als "Verschriftlichung des Bildes". Ähnlich ergiebig ist die Gegenüberstellung der angeblich "radikaldemokratischen" Herkunft des Internet und der kommerziellen Vermarktung von Informationen im neuen Medium. Berichte über den Gebrauch des Internet in eigenen philosophiehistorischen Proseminaren - Austausch von Texten auf der seminareigenen Homepage, Schreiben im Team - verströmen eine seit etwa 1994 abgestandene, hier jedoch noch ganz naive Begeisterung.

Ohne den erstaunlichen Ehrgeiz, mit einigen Zitaten philosophischer Literatur eine neue Disziplin "begründen" zu wollen, ist dagegen eine Studie des Literaturwissenschaftlers Stephan Porombka. Er liest interessante Quellen und beleuchtet die von der ökonomischen Praxis abgewandte Seite des Gebrauchs von Computern: den Mythos des "Hypertexts".

Neue Medien traumatisieren die Menschen. Sie zwingen sie, sich neuen Umwelten anzupassen und vertraute Verhaltensmuster zu ändern. Darauf reagieren die Menschen mit Verdrängung oder mit zwanghaftem Wiederholen der traumatisierenden Situation: in diesem Fall der Überschwemmung durch erdrückende Informationsmengen. Der Computer verheißt eine technische Lösung für die Unzulänglichkeit der menschlichen Informationsverarbeitung. Der Preis dafür: Der Mensch macht sich zum Affen der vernetzten Welt. Er knüpft und entwirrt Hypertext-Netze und träumt davon, das Chaos der Wirklichkeit in ihnen einzufangen und zu beherrschen. Gleichzeitig ängstigt ihn ein paranoider Schwindel, wenn er über die unabsehbare Tiefe der Datenmassen dahingleitet. Deshalb erfindet er künstliche Intelligenzen, Agenten, "Know-bots", die für ihn das Netz durchforsten und sich auch untereinander austauschen. Aber je intelligenter das Netz, desto stärker die Angst, die Kontrolle über die digitalen Sklaven zu verlieren. Die Maschine zeigt sich immer undurchdringlicher und feindlicher. Um so "benutzerfreundlicher" will man sie gestalten. Diese Art von Teufelskreis erscheint uns seit Rousseaus Kritik unserer selbstverschuldeten Aufklärung vertraut. Spannend ist jedoch die Fülle von Beispielen von der Elektrifizierung über die Telefonie bis zur Digitalisierung, mit denen Porombka unsere technischen und psychischen Verstrickungen spürbar macht. Die Lianen sind Gitterstäbe.

Dieter Fensel: "Ontologies". A Silver Bullet for Knowledge Management and Electronic Commerce. Springer Verlag, Heidelberg 2001. 138 S., 40 Abb., geb., 64,- DM.

Stephan Porombka: "Hypertext". Zur Kritik eines digitalen Mythos. Wilhelm Fink Verlag, München 2001. 383 S., br., 88,- DM.

Mike Sandbothe: "Pragmatische Medienphilosophie". Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet. Verlag Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2001. 276 S., br., 49,- DM.

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