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erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom 30.03.2002.

Lorenz Engel

Rezension

Im Chat-Room wird das Denken vernünftig

Einem Computer sage ich nicht die Wahrheit:
Mike Sandbothe wünscht sich Anleitungen zur Veränderung, das Internet hilft dabei

Nur in ihrem Gebrauch kann die Vernunft sich erweisen. Sie bemisst sich nach ihren Resultaten. Die Vernunft wirkt auf die Bedingungen ein, unter denen sie gebraucht wird, und verändert sie. Sie ist nichts irgendwie Innerliches, Gedankliches. Sie ist immer schon entäußert. Die eleganteste und faszinierendste Reflexion bleibt leer und tendenziell vernunftlos, wenn sie, in den Innenraum des Denkens eingesperrt, doch nichts ausrichtet. Es gibt, zugespitzt, kein vernünftiges Denken, sondern nur vernünftiges Handeln.

Die Beschränkung auf die möglichst reine Erkenntnis und Erkenntniskritik und den Innenraum des Denkens aber genießt in der amtlichen Philosophie einen hohen Rang. Beschreibung und Beobachtung gehen mindestens in der Abfolge der philosophischen Arbeitsschritte vor Eingriff und Veränderung. So reflektieren wir unablässig auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und des Sinnverstehens, aber weder bearbeiten wir diese Bedingungen noch greifen wir in die Maschinerie der Sinnproduktion ein. Wir verfahren nicht handlungs-, sondern theorieorientiert, nicht pragmatisch, sondern wie Mike Sandbothe formuliert, theoretizistisch. Diese Gegenüberstellung, in engstem Anschluss an Richard Rorty und an Wolfgang Welschs Konzept von der "transversalen Vernunft" angelegt, steigt zum Leitgedanken seines Entwurfs einer "Pragmatischen Medienphilosophie" auf.

Zweifellos haben die Denkweisen Wirkungsmacht bewiesen, die Sandbothe als typisch theoretizistische Denkgebäude fasst: der Dekonstruktivismus Derridas, der, wie auch immer vermittelt, etliche künstlerische Praktiken stark geprägt hat, oder die Systemtheorie Luhmanns, die heute im Management und im Sozialwesen handlungsleitende Funktionen wahrnimmt. Dennoch ist die Philosophie ausgerechnet der Medien daran zu erinnern, dass sie mit der analytischen Förderung der Erkenntnis und des Wissens allein nicht ausgelastet ist. Sandbothes Streitschrift fordert eine Umorientierung hin zu einem im pragmatischen Sinne verstandenen, aktiven Vernunftgebrauch, der nicht nur raffinierte Behauptungen aufstellt, sondern Veränderungen anzuleiten vermag.

Der gewaltige Medienumbruch, den das allumfassende Vordringen der digitalen Werkzeuge in alle Lebens- und Gesellschaftsprozesse derzeit bewirkt, wird, so Sandbothe, diese Umorientierung ohnehin erzwingen. Rechner- und Internetkommunikation werden eine neuerliche, eine "pragmatische" Wende in die Philosophie bringen. Das Internet bringt nicht nur einen neuen Gegenstand der Philosophie, sondern vor allem eine neue Form der Philosophie hervor, die sich derjenigen des Schrift- und Buchzeitalters entgegenstellt.

Ohne Irrtum und Lüge

Wenn ich mich schreibend äußere, meine Gedanken in einem Buch oder einem Brief veröffentliche, dann, so fasst Sandbothe die Klassiker der Medientheorie zusammen, verhalte ich mich grundsätzlich beschreibend zur Welt. Meine Beschreibungen sind Repräsentationen der Außenwelt oder meiner Gedanken, sie können zutreffend sein, also wahr oder nicht. Die als Textwissenschaft und Textkritik operierende schreibende Philosophie musste folglich ein besonderes Augenmerk halten auf die Wahrheit von Behauptungen, auf die Unterscheidbarkeit wahrer von falschen Sätzen, auf Kriterien ihrer Widerlegbarkeit, auf die Möglichkeit von Wahrheit und ihrer Erkenntnis überhaupt.

Wenn ich jedoch nicht einem Leser, sondern einem Rechner schreibe, so spielt die Wahrheit meiner Sätze keine Rolle. Sie repräsentieren nichts. Seit ihrem Anbeginn verweist die Medientheorie immer wieder auf diese fundamentale Differenz. Einem Computer sage ich nicht die Wahrheit - und begehe folglich auch weder Irrtum noch Lüge -, sondern ich sage ihm, was er zu tun hat. Ich gebe ihm einen Befehl, und er führt ihn aus (oder nicht). Der Satz, den ich in den Rechner eingebe, bemisst sich an seinem Resultat. Was für die Befehle an den Rechner gilt, greift auch auf die rechnervermittelte Kommunikation mit Partnern über, wie Sandbothe aus den Untersuchungen von Jay D. Bolter, Howard Rheingold und Sherry Turkle zusammenstellt. Es haben sich demnach Formen entwickelt, bei denen Mitteilungen vor allem darauf gerichtet sind, neue Mitteilungen auszulösen, Reaktionen hervorzurufen, auf die dann wieder reagiert werden kann. In den Spiel- und den Arbeitsumgebungen des Internet, aber auch in den Chat-Räumen sind eben diese Umgebungen in ihrer Ausgestaltung weitgehend das Resultat genau der Mitteilungen, die in ihnen ausgetauscht werden.

Selbstverständlich könnte auch hier die Rigidität der Entgegensetzung relativiert werden. Medienhistorisch und -ästhetisch wären in den modernen Massenmedien, ja sogar der Literatur übergangsphänomene zwischen den Medienkulturen zu erkennen, die den Umschwung von der literarisch- repräsentativen Denkweise zur digitalen Handlungsweise gestaltet und gangbar gemacht haben. Keineswegs kann alles Vor-Digitale stracks dem repräsentational- theoretizistischen Verständnis zugeschlagen werden. Aber diese Zuspitzung hat durchaus ihren Sinn und ihre Konsequenz, denn sie will etwas erreichen. Erst eine tatsächlich als Rechnerwissenschaft und Rechnerkritik operierende Philosophie wird nämlich ihr Augenmerk auf Kommunikationsresultate legen müssen. Sie wird sich pragmatisieren, wie Sandbothe sagt. Das wiederum wird konkrete Auswirkungen haben. Die Philosophie wird nicht nur beobachten und konstatieren, sondern selbst etwas zeitigen müssen. Sie wird beispielsweise in medienpolitische Debatten eingreifen müssen und hier handlungsleitenden Charakter annehmen, etwa wenn es, so Sandbothe, um die Eindämmung kommerzieller Nutzungen des Computernetzes und die Sicherung eines freien Zugangs zu allen Informationsbeständen geht. Oder sie wird veränderte Lehr- und Lernweisen auch in der Philosophie selbst produzieren, in denen die akademischenLehrpersonen nicht mehr enzyklopädischer Wissens- und Erleuchtungsquell, sondern Moderatoren des gemeinsamen Wissenserwerbs sind.

Nun sind gerade diese Voraussagen sehr leicht zu treffen und diese Forderungen leicht einzulegen. Sie sind schon in der Diskussion oder gar in der Umsetzung, gehören zum bildungs- und medienpolitischen Alltag und bedürfen nicht mehr der Hilfe und des Begründungsaufwands des Philosophen. Für ihn bleibt dennoch genug zu tun.

Richard Rortys Satz etwa, demzufolge die Philosophie einen Beitrag zur Entwicklung säkularer, demokratischer und liberaler organisierter Gesellschaften zu leisten hätte, kann vielleicht nicht mehr so unbekümmert reproduziert werden, wie Sandtbothe das tut. Angesichts einer notwendigen Neubestimmung der Funktion von Religion, angesichts der Probleme der politischen Repräsentation und angesichts der Zerstörungskraft von Liberalisierungsschüben muss dieses Programm wohl neu debattiert werden, gerade dann, wenn es darum geht, wie Sandbothe formuliert, die Solidarität menschlicher Gesellschaften zu vermehren und Grausamkeiten und Demütigungen zurückzudrängen. So erhebt Sandbothes Untersuchung nicht nur den Ruf zur Vernunft, sondern verständlicherweise auch den Anspruch auf eine eigene Position innerhalb der amtlichen Philosophie.

MIKE SANDBOTHE: Pragmatische Medienphilosophie. Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet. Velbrück, Weilserswist 2001. 276 Seiten, 24,50 €.

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